Ein verlorenes Paradies - Ein historisches Roman von erschreckender Aktualität

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MEINE MEINUNG
In ihrem neuen, beeindruckenden historischen Roman „Territorium" beleuchtet Sabrina Janesch eine heute weitgehend vergessene Episode der Weltgeschichte. Im Jahr 1893 stürzten amerikanische Oligarchen in einem skrupellosen Staatsstreich die hawaiianische Königin und ebneten damit den Weg für die gewaltsame völkerrechtswidrige Annexion des paradiesischen Archipels im Pazifik durch die USA.
Mit erzählerischem Geschick hat sie die zwei verhängnisvollen Jahre zu einem beklemmenden Kammerspiel verdichtet. Mitreißend und bildgewaltig erzählt sie vom Ringen eines kleinen souveränen Staates um sein Überleben, während politische Intrigen, koloniale Begehrlichkeiten und nackte Machtgier ihn von allen Seiten bedrängen. Heimatverlust und die Erosion aller Gewissheit stehen auf dem Spiel.
Unversehens findet man sich selbst auf der entlegenen Insel wieder, inmitten von politischen Verwicklungen in einer historisch bedeutsamen Epoche. Die pluralistische Gesellschaft ist tief gespalten zwischen denen, die Widerstand leisten und verzweifelt um Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen wollen, und jenen, die sich bereitwillig den Interessen amerikanischer Großkapitalisten andienen.
Im Herzen dieses Konflikts steht die einst so einflussreiche deutsche Gemeinschaft, die nun gezwungen ist, Farbe zu bekennen in einem Spiel, dessen Regeln längst andere diktieren.
Janesch erzählt die hervorragend recherchierten historischen Verwicklungen nicht aus der üblichen Perspektive der gewohnten Männerdomäne, sondern rückt stattdessen drei außergewöhnliche Frauen in den Fokus. Als faszinierendes Herzstück der Geschichte bilden sie das emotionale Rückgrat und moralische Gewissen und zeigen eindrucksvoll, was ihre Rebellion und der drohende Umbruch auf einer ganz persönlichen Ebene bedeutet.
Der Autorin ist das Kunststück gelungen, ihre komplexen Charaktere so tiefgründig und glaubwürdig zum Leben zu erwecken, dass diese Epoche wirklich greifbar wird. Das Faszinierendste dabei ist, dass viele der Figuren auf echten, schillernden historischen Persönlichkeiten basieren. Egal, auf welcher Seite des Konflikts sie stehen - sie sind so facettenreich und authentisch gezeichnet, dass man ihnen jede Zeile abkauft.
Dem Roman ist ein ausführliches Personenverzeichnis vorangestellt, das bei der beachtlichen Vielzahl der Figuren enorm hilft, den Überblick zu bewahren.
Besonders fesseln konnten mich die drei faszinierenden Frauenfiguren und ihr verdienstvoller Beitrag zum Widerstand.
Da ist die weise und politisch gewitzte Königin Lili‘uokalani, die unter Hausarrest gestellt und dennoch unerbittlich um die Souveränität und die demokratischen Ideale ihres Volkes ringt. Ihr zur Seite steht ihre unkonventionelle deutsche Beraterin und Lehrerin Gertrude Wolf, die im Widerstand zwischen Loyalität und radikaleren Wegen hin- und hergerissen ist. Und schließlich die furchtlose einheimische Journalistin Emma Nāwahī, die ihre Feder als Waffe gegen die Enteignung einsetzt und sich mit allen legalen Mitteln zur Wehr setzt.
So unterschiedlich ihre Überzeugungen auch sein mögen, eint diese drei Frauen ihre tiefe, unerschütterliche Liebe zu Hawai’i. Doch schon bald wird ihre enge Freundschaft auf eine brutale Zerreißprobe gestellt. Ob nun Kampf oder Unterwerfung, Liebe oder Hass, aufrechte Haltung oder feige Resignation – jede von ihnen muss eine schwere Entscheidung treffen und Farbe bekennen.
Mit unglaublichem Feingefühl beleuchtet Janesch das Innenleben ihrer Figuren und zeigt eindringlich, wie Menschen in solchen schicksalhaften Zeiten über sich hinauswachsen oder einknicken und sich von den Mächtigen verführen lassen.
Anschaulich führt sie uns dabei die vielfältigen perfiden Mechanismen der amerikanischen Aggressoren und ihrer Unterstützer bei ihrer imperialistischen Landnahme vor Augen, die mit kalkulierter Skrupellosigkeit politischem Chauvinismus und erschreckend faschistischen Tendenzen ein ganzes Volk seiner Freiheit, seiner Geschichte und schließlich seiner Stimme berauben.
Mit wundervoll lebendigen Landschaftsbeschreibungen fängt Janesch die überwältigende Lebendigkeit und Schönheit des Archipels ein. Genau dieser Kontrast zur drohenden Zerstörung all dessen, was Hawai’i in all seiner multiethnischen und kulturellen Vielfalt ausmacht, lässt uns umso schmerzlicher begreifen, was für die Insulaner dort ein Verlust ihrer Selbständigkeit auf dem Spiel steht.
Beklemmend ist insbesondere die erstaunliche Aktualität, die zwischen den Zeilen mitschwingt, denn allzu deutlich sind die sich wiederholenden Muster und erschreckende Parallelen zu expansiven Übergriffen in unseren geopolitisch angespannten Zeiten zu erkennen.