Hawaiis Geschichte zwischen Widerstand und Annexion

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jule2005 Avatar

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Mit „Territorium“ nimmt Sabrina Janesch ihre Leser:innen mit ins Hawaii des späten 19. Jahrhunderts und beleuchtet eine historische Epoche, über die ich bisher nur sehr wenig wusste. Im Zentrum steht die politische und gesellschaftliche Situation vor der Annexion Hawaiis durch die USA, doch statt die Ereignisse rein historisch abzuhandeln, macht Janesch vor allem die Menschen sichtbar, die von den Veränderungen betroffen sind.

Besonders gefallen haben mir die unterschiedlichen Perspektiven, darunter mehrere weibliche Stimmen. Dadurch entsteht ein sehr persönlicher Blick auf die politischen Umbrüche. Interessant fand ich vor allem die inneren Konflikte der Figuren: Was bedeutet es, für die eigene Heimat einzustehen, wenn man Gewalt eigentlich ablehnt? Wie weit darf man gehen, wenn die eigene Kultur und politische Selbstbestimmung bedroht sind? Dass der Roman hier keine einfachen Antworten liefert, sondern verschiedene Sichtweisen nebeneinanderstellt, fand ich sehr gelungen.

Auch die Verbindungen zwischen Hawaii und Deutschland haben mich überrascht. Die historischen Hintergründe werden dadurch noch einmal aus einer Perspektive beleuchtet, mit der ich zunächst nicht gerechnet hatte. Gleichzeitig erfährt man viel über das Leben auf den Inseln, die hawaiianische Gesellschaft und die politischen Veränderungen jener Zeit.

Ein großes Plus ist für mich die Sprache. Janesch schreibt sehr bildhaft und atmosphärisch. Besonders die Beschreibungen der Landschaft, der Pflanzen und Tiere lassen die Umgebung beinahe greifbar werden. Man bekommt ein sehr deutliches Gefühl für die Natur Hawaiis. Allerdings war mir gerade dieser Aspekt stellenweise etwas zu ausführlich. Die Fülle an Beschreibungen sorgt zwar für eine besondere Atmosphäre, kann den Lesefluss aber auch bremsen.

Überhaupt ist „Territorium“ kein Roman, den ich nebenbei lesen konnte. Die Sprache ist anspruchsvoll und einige Passagen wirkten auf mich etwas schwerfällig oder stockend. Auch bei den Figuren hätte ich mir teilweise mehr Tiefe gewünscht, da ihre Charakterisierung für mich nicht immer ganz mit der sprachlichen und historischen Ausarbeitung mithalten konnte.

Trotzdem fand ich den Roman ausgesprochen interessant, gerade weil er einen weniger bekannten Teil der hawaiianischen Geschichte in den Mittelpunkt stellt. Im Vergleich zu James A. Micheners „Hawaii“, das ich einige Jahre zuvor gelesen habe und das die Geschichte der Insel wesentlich umfassender, für mich aber auch trockener erzählt hat, hat Janeschs Roman einen deutlich persönlicheren Zugang gefunden. Die großen politischen Entwicklungen werden dadurch greifbarer und ihre Auswirkungen auf einzelne Menschen verständlicher.

Auch äußerlich ist das Buch für mich ein echtes Highlight: Das Cover ist wunderschön gestaltet und passt hervorragend zur Atmosphäre des Romans.

Insgesamt ist „Territorium“ für mich ein anspruchsvoller und sprachlich eindrucksvoller historischer Roman, der einen spannenden Einblick in Hawaiis Geschichte gewährt. Nicht jede Passage konnte mich gleichermaßen fesseln und stellenweise hätte ich mir etwas mehr Tiefe bei den Figuren und weniger ausführliche Naturbeschreibungen gewünscht. Die historischen Perspektiven, die atmosphärische Sprache und der ungewöhnliche Schauplatz machen das Buch für mich aber definitiv