Vielstimmig erzählt, gut recherchiert und erschreckend aktuell!

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belinablack Avatar

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Wow, was für ein Unterfangen, dieser neue Roman von Sabrina Janesch! In „Territorium“ widmet sich die Autorin einem historischen Stoff: dem Kampf um die Unabhängigkeit Hawaiʻis. Laut Verlagstext stehen drei außergewöhnliche Frauen im Fokus – die Königin Liliʻuokalani, ihre deutsche Beraterin Gertrude Wolf und die Journalistin Emma Nāwahī –, doch in diesem Roman geht es um so viele und so vieles mehr!

Wir steigen im Jahr 1893, kurz vor der Entmachtung der amtierenden Königin durch eine amerikanische Übergangsregierung, ein und erleben diesen Zeitenwandel über eine enorme Vielfalt von Perspektiven mit. Neben den Protagonistinnen lernen wir viele weitere Personen kennen, für die sich die Autorin sehr viel Zeit nimmt und die sich positionieren müssen: auf der Seite der treuen Royalisten oder auf der Seite der amerikanischen Plantagenbesitzer und Unternehmer, die auf die Annexion Hawaiʻis an die USA hinarbeiten. Ihr gelingt das Kunststück, die undurchsichtige Gemengelage aus politischen und persönlichen Interessen durchschaubar zu machen. Ein jeder verfolgt hier eigene Ziele, während über allem der unerbittliche Expansionswille der Amerikaner steht. Da der Ausgang der territorialen Frage durch den Lauf der Geschichte bekannt ist, baut Janesch die Spannung geschickt über die Motivation der einzelnen Personen auf. Sie durchleuchtet ihre Charaktere tiefgehend und gibt ihren Gedanken, Gefühlen und Positionen viel Raum. Für mich ist diese erzählerische Strategie voll aufgegangen, auch wenn sie meine Lesegeschwindigkeit erheblich gedrosselt hat. Der ganz eigene Humor der Autorin und ihre Treffsicherheit, innere Konflikte und Emotionen zu beschreiben, haben darüber gut hinweggetröstet.

Erschreckt hat mich, wie vielschichtig und aktuell dieser historisch gut recherchierte Roman eigentlich ist. Trotz Inselflair und viel Lokalkolorit ertappte ich mich beim Lesen immer wieder dabei, wie ich mich ungut an das heutige Tagesgeschehen erinnert fühlte. Sätze wie „Die Vereinigten Staaten bräuchten Hawaiʻi für die eigene nationale Sicherheit“ wirken brandaktuell. Wir begegnen im Buch diversen Opportunisten, Oligarchen und machtgierigen Kapitalisten, die das unabhängige Archipel – das unter der Königin sogar noch vor vielen anderen Ländern ein Wahlrecht für Frauen besaß – in eine „Insel der Glückseligen“ verwandeln wollen; allerdings eben nur für reiche, weiße Männer. Bei der Schilderung ihrer Ideologie läuft es einem kalt den Rücken runter: „Am liebsten würden sie alle (die chinesischen Einwanderer) aus dem Land schmeißen, die keine Arbeit haben, nicht genug verdienen oder sich strafbar gemacht haben.“

Am Ende war ich genug in das Schicksal der Hawaiʻier involviert, dass ich gemeinsam mit Gertrude Wolf die hawaiʻische Feuergöttin anrufen wollte: „Wach auf, Pele, wach auf, Göttin des Feuers und der Feuerberge, speie, Pele, speie!" und komme deinen Hawaiʻiern zu Hilfe. Wie schade, dass Janesch gut recherchiert hat und im Großen bei den historischen Fakten bleibt – ich hätte den Protagonistinnen und ihrer Heimat von Herzen ein anderes Ende gewünscht.