Wenig Abenteuer dafür viel Politik

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Ich muss zugeben, an den aktuellen Roman „Territorium“ von Sabrina Janesch mit hohen Erwartungen herangegangen zu sein. Die beiden vorherigen Romane der Autorin „Die goldene Stadt“ und „Sibir“ haben mich ab den ersten Seiten sofort in die abenteuerlichen Geschichten dieser sehr markanten Hauptfiguren hineingesogen und erst auf der letzten Seite mit vielen gesammelten Eindrücken und Bildern in meinem Kopf wieder ausgespuckt. Ein ähnliches Leseerlebnis zum Eintauchen hatte ich von „Territorium“ erwartet, welches in 1893 beginnt und sich mit der widerrechtlichen Annexion der hawaiischen Inselkette im Pazifik durch die USA beschäftigt. Laut Klappentext folgen wir dabei den drei Hauptfiguren Lili‘uokalani, frisch abgesetzte und im Hausarrest befindliche hawaiische Königin, Gertrude Wolf, eine Deutsche, die als Assistentin eines Zauberers auf die Inseln kam und zwischenzeitlich als Wirtschaftsministerin und Vertraute der Königin agierte, sowie Emma Nawahi, hawaiische Journalistin und emanzipierte Frau.

Das Buch beginnt fulminant mit verschiedenen Erzählperspektiven und der ungewöhnlichen Figurenvorstellung von Gertrude Wolf, die sich gerade im Opiumrausch befindet. Das vorangestellte Personenregister las ich mir zu Beginn durch und dachte noch, es handle sich lediglich um eine Hilfestellung, um die vielen Nebenfiguren auseinanderhalten zu können. Allerdings zeigte sich über den Verlauf des Buches hinweg, dass viele der genannten Figuren der verschiedenstens Fraktionen auf Hawaii tatsächlich immer wieder auch Kapitel bekommen, in denen sie als Hauptfiguren agieren. So entsteht ein unglaubliches Wirrwarr an Figuren, die zwar durchaus unterscheidbar dargestellt sind, was aber gleichzeitig dazu führt, dass eine engere Bindung an eine oder gar alle drei der herausgestellten Frauenfiguren nicht entsteht. Wurde ich bei den vorangegangenen Büchern durch die gut herausgearbeiteten Einzel-Hauptfiguren an die Hand genommen und durch ihr Abenteuer begleitet, kommt im vorliegenden Roman diese Konstellation nicht ein einziges Mal zustande. Verloren fühlte ich mich zwischen all diesen Akteuren.

Dazu beigetragen hat außerdem die Fixierung der Autorin auf die politischen Geschehnisse. Bis ins kleinste Detail werden Diskussionen, Handlungen, Vorhaben ausformuliert. Hier wirkt das Buch eher wie ein Sachbuch als ein Roman. Zäh und trocken fühlte sich die Lektüre an. Da kann die Autorin so viele Naturbeschreibungen, wie sie will, einfügen, es entsteht einfach keine Atmosphäre.

Besonders nervig empfand ich den Drang der Autorin jeden einzelnen Straßennamen Honolulus zu benennen, wenn sich die Figuren durch die Stadt bewegen. Auch werden immer wieder die Bezeichnungen von Landmarken eingeworfen, wenn sie sich über die Inseln bewegen. Der Verlag hat zwar im Vorsatzpapier Landkarten abgedruckt, die hübsch anzusehen sind und farblich auch zum wunderschönen Cover des Buches passen, aber ich lese ja hier kein Sachbuch, sondern einen Roman. Und da zählt nun einmal das Konzept „Show, don‘t tell!“. Leider „erzählt“ uns Janesch wirklich alles bis ins kleinste Detail, ohne dass mir eine Atmosphäre oder die Interaktionen und psychologische Verbindungen der Figuren untereinander „gezeigt“ werden. Es werden unglaublich viele politische Zusammenhänge aufgeschlüsselt, aber ehrlich gesagt, reizt das dann jedenfalls mich überhaupt nicht mehr zu lesen, wenn doch bekannt ist, wie die ganze Sache ausgehen wird.

Anerkennend muss ich sagen, dass die Rechercheleistung zum Roman erheblich sein muss. Und dass die Autorin ein Thema auf den Tisch holt, welches bisher seltenst literarisch bearbeitet wurde. Wobei ich hier das „literarisch“ eher hintanstellen würde. Ich habe ein paar Sachverhalte gelernt, wie zum Beispiel wie präsent die deutschstämmige Bevölkerungsgruppe auf Hawaii zu dieser Zeit war. Oder wie fortschrittlich die Reformbemühungen der hawaiischen Königin waren, bevor die US-Amerikaner dem ein Ende setzten.

Obwohl ich mich wirklich durch diesen Roman kämpfen, ja fast quälen, musste, runde ich von 2,5 Sternen trotzdem auf, weil ich glaube, dass der Roman durchaus etwas für Leser:innen ist, die sich für historische politische Zusammenhänge interessieren. Er ist nicht per se schlecht geschrieben, konnte mich persönlich allerdings überhaupt nicht abholen.

2,5/5 Sterne