Zwischen Grenzen, Zugehörigkeit und inneren Konflikten – ein Roman, der nachwirkt

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
emiliablue Avatar

Von

Territorium von Sabrina Janesch war für mich kein Buch, das man einfach nebenbei liest und anschließend wieder ins Regal stellt. Ich musste mich auf die Geschichte und vor allem auf die besondere Atmosphäre erst einlassen. Gerade das hat für mich aber einen großen Teil des Reizes ausgemacht.

Besonders beeindruckt hat mich Janeschs Sprache. Ihre Beschreibungen sind sehr bildhaft und schaffen eine dichte, teilweise fast bedrückende Stimmung. Die Landschaft und die Orte wirken nicht nur wie eine Kulisse, sondern bekommen eine eigene Bedeutung. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, sehr nah am Geschehen zu sein. Gleichzeitig entsteht dadurch eine gewisse Unruhe, die gut zu den Themen des Romans passt.

Auch die Figuren haben mir gefallen, gerade weil sie nicht immer sofort sympathisch oder leicht zu verstehen sind. Ihre Gedanken, Entscheidungen und Beziehungen wirken komplex und teilweise widersprüchlich. Für mich hat das die Geschichte glaubwürdig gemacht. Ich mag Romane, bei denen Figuren nicht eindeutig in „gut“ und „schlecht“ eingeteilt werden können, sondern bei denen man sich als Leser selbst ein Urteil bilden muss.

Besonders spannend fand ich die Frage, was ein „Territorium“ eigentlich ausmacht. Der Titel lässt sich für mich nicht nur auf einen geografischen Raum beziehen, sondern auch auf persönliche Grenzen, Zugehörigkeit, Besitz und die Frage, welchen Platz ein Mensch für sich beansprucht. Im Laufe des Romans hatte ich immer wieder das Gefühl, dass unterschiedliche Formen von Grenzen eine Rolle spielen – zwischen Menschen, aber auch innerhalb der Figuren selbst. Dadurch hat mich das Buch nicht nur auf der Ebene der Handlung beschäftigt, sondern auch zum Nachdenken gebracht.

Was mich allerdings davon abhält, fünf Sterne zu vergeben, ist das Erzähltempo. Einige Passagen waren mir etwas zu ausführlich und ruhig. Gerade in der Mitte des Romans hatte ich stellenweise das Gefühl, dass die Handlung auf der Stelle tritt. Ich konnte zwar nachvollziehen, dass diese Langsamkeit zur Atmosphäre gehört, trotzdem hätte ich mir an manchen Stellen etwas mehr Dynamik gewünscht. Man braucht also durchaus Geduld und sollte keinen Roman erwarten, der hauptsächlich von Spannung oder schnellen Wendungen lebt.

Trotzdem hat mich Territorium insgesamt sehr überzeugt. Vor allem die Atmosphäre, die Sprache und die Vielschichtigkeit des Romans sind mir im Gedächtnis geblieben. Ich fand es angenehm, dass mir die Geschichte nicht jede Antwort vorgibt, sondern Raum für eigene Gedanken und Interpretationen lässt. Einige Szenen und Fragen haben mich auch nach dem Lesen noch beschäftigt – und genau das ist für mich meistens ein Zeichen für ein gutes Buch.