Eine Frau. Ein Gemälde.

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Eine Frau. Ein Gemälde
Schon im Klappentext sowie im Prolog wird offenbar, worum es in diesem Roman geht – und warum der Titel ‚The Artist‘ nicht übersetzt wurde: 1957 steht eine Frau in der National Gallery in London und betrachtet ‚Das Festmahl‘, das, so heißt es, als einziges den Brand im Atelier des Künstlers Tartuffe unversehrt überstanden habe – dabei erinnert sich die Frau genau daran, wie es 1920 vor ihren Augen und durch ihre Hand in Flammen aufging.
Damit sind die Grundzüge klar umrissen, die Spannung rührt daher, wie die Erwartungen der Leser/innen eingelöst werden. Was führt zu dieser Katastrophe?
Zunächst geht der Roman zurück in das Jahr 1920, der zwanzigjährige Joseph Adelaide kommt aus London in die französische Provinz, um den Künstler Edouard Tartuffe, der sich aus Paris dorthin zurückgezogen hat, zu interviewen. Tartuffe gibt keine Auskünfte über sich oder sein Werk, nimmt Joseph jedoch als Modell an. Der Maler ist egozentrisch und grausam, launenhaft und jähzornig. Seine 27-jährige Nichte Ettie, eigentlich Sylvette, die nach dem frühen Tod ihrer Mutter bei ihm geblieben ist, leidet unter ihm, seinen Wutausbrüchen, seinem Kontrollzwang. Alles, was sie weiß und kann, hat sie sich selbst beigebracht. Ettie sorgt für Tartuffe, ist sein einziger Anker. Und sie selbst kennt nur das Gefängnis, in dem sie seit 20 Jahren lebt. Nur einmal, als sie in einem Lazarett arbeitete, nahm sie Kontakt zu anderen Menschen auf. Als uneheliches Kind ist sie eine Frau, die nirgends dazugehört, doch voller Sehnsucht nach Anerkennung, Berührung, danach, als das gesehen zu werden, was sie ist. Joseph will hinter das Geheimnis der Kunst Tartuffes kommen, die seine verstorbene Mutter so faszinierte: das Licht in seinen Werken. Joseph und Ettie nähern sich vorsichtig einander an, Ettie kennt die Bilder, sie kann erklären, was Joseph wissen möchte, und so kommt er auch hinter ihr Geheimnis, sieht ihre Begabung.
Die Lebensmittel, die Ettie für Tartuffes Bilder kauft, sind Requisiten, sie tragen den Verfall in sich, sind oft bereits in Fäulnis übergegangen. Alles um Tartuffe herum ist morbid, lebensfeindlich. Er gestattet Ettie nicht zu malen, obwohl sie mehrfach darum bittet. So kommt sie auf die Idee, für sich allein zu verwirklichen, was ihr verwehrt wird. Joseph will mit Ettie weggehen, fliehen. Doch zunächst bleibt ihre Beziehung geheim, beide fürchten den Zorn und die Willkür des großen Malers. Als er sie dann entdeckt, kommt es zum Verhängnis, das zugleich ein Befreiungsschlag ist.
Eine Frau. Ein Gemälde. Die ersten Worte des Romans eröffnen den Raum für alles, was hier geschieht.
Die allwissende Erzählweise ist eher konventionell. Der Fokus liegt abwechselnd auf Ettie und Joseph, der dominante Tartuffe ist immer da, ihm wird jedoch keine Überschrift eingeräumt. Unheilvoll und omnipräsent schwebt er über dem Fortgang der Ereignisse.
Die Sprache ist kraftvoll und bildhaft, sehr gut lesbar. Die Vermischung von Fiktion und einigen historischen Fakten macht den Roman spannend und interessant.