Im Schatten des Künstlers

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coni90 Avatar

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Im Mittelpunkt von "The Artist" von Lucy Steeds stehen drei Figuren, die unterschiedlicher kaum sein könnten: der gefeierte, aber schwer zugängliche, cholerische Künstler Edouard Tartuffe, seine zurückhaltende Nichte Ettie und ein junger Journalist Joseph aus England. Im Jahr 1920 reist Joseph nach Südfrankreich, um ein Interview von Edouard Tartuff "Tata" zu erlangen. Vor Ort wird er nicht sonderlich warmherzig empfangen, doch der Maler engagiert ihn als Modell für sein neuestes Bild "Junger Mann mit Orange". Nach und nach lernt Joseph den Maler und seine Nichte näher kennen und deckt ein großes Geheimnis auf, das die Zukunft der beiden vollkommen verändern könnte...

"The Artist" hat mich sehr schnell in seinen Bann gezogen. Besonders beeindruckt hat mich dabei der bildhafte, sinnliche Schreibstil: Farben, Gerüche und Details wurden von der Autorin so lebendig beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, selbst Teil der Szenerie zu sein.

Im Fokus stand neben der Malerei stets die außergewöhnliche Konstellation rund um Tata, Ettie und Joseph. Die wirklich spannende Dynamik, die sich im Laufe der Geschichte immer weiter verdichtete, hat mich das Buch zeitweise nicht mehr aus der Hand legen lassen. Während der Künstler Tata mit seiner cholerischen, dominanten Art schnell aneckte, wuchs mir vor allem die Nichte Ettie ans Herz. Ihre Situation war berührend und warf viele Fragen auf – über Selbstbestimmung, Abhängigkeit und die Möglichkeiten, ein eigenes Leben zu führen. Auch Joseph empfand ich als eine interessante Figur, deren persönliche Geschichte nach und nach mehr Raum einnahm und zusätzliche Tiefe in den Roman brachte. Besonders zu Beginn erinnerte er mich an ein kleines Küken, das aus dem Nest gefallen ist. Man musste ihn einfach gern haben.

Die wechselnden Perspektiven zwischen Joseph und Ettie erzeugten einen intensiven Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der beiden Figuren. Aus Dritter Hand erfuhr man so von Tata, der bei mir ziemlich schnell an Sympathie verlor. Unterschwellig herrschte stets eine subtile, aber durchgehende Spannung vor, die auch ruhigere Passagen trug.

Atmosphärisch überzeugte der Roman mich sehr, denn die Schauplätze, insbesondere die südfranzösische Umgebung, wurden eindrucksvoll eingefangen. Einzelne Szenen – etwa auf einem Markt beim Kauf von Obst oder in emotional aufgeladenen Momenten – blieben mir lange und bildlich im Gedächtnis.

Trotz der eher ruhigen Handlung entwickelte die Geschichte eine starke Sogwirkung, die vor allem aus der Beziehung zwischen den Figuren und der unausgesprochenen Spannung entstand. Doch im letzten Abschnitt hätte ich mir stellenweise deutlich mehr Raum und Ausarbeitung gewünscht. Denn der Roman endete sehr abrupt, was nicht etwas enttäuschte.

Insgesamt ist "The Artist" ein stilistisch sehr starker, atmosphärischer Roman, der mich weniger durch große Handlungssprünge als durch Figuren, Sprache und Stimmung überzeugte.