Künstlerseelen

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Joseph reist 1920 in die Provence, um als Kunst-Journalist den zurückgezogenen Maler Tartuffe zu interviewen. Dieser entpuppt sich als unzugänglicher Eigenbrötler, dem seine stille Nichte Ettie im Haushalt und allen wichtigen Dingen zur Hand geht. Doch jeder der Drei hat Geheimnisse und eigene Ambitionen, die nur langsam ans Licht kommen.
Vor allem ist es Etties Geschichte, die mich besonders berührt hat. Diese junge Frau steht von Kind an unter der Fuchtel des alten Tata, da sie früh ihre Mutter an die Freiheit verloren hat. Lieblos wird sie ausgenutzt und verheizt, Stimmungsschwankungen ausgesetzt und vor allem klein gehalten. Ist sie doch für Tartuffe unentbehrlich und der schreckt vor keiner Maßnahme zurück, um seine Nichte an sich zu binden. Mir gefällt ihr stilles Aufbegehren, ihre verborgene Aufmüpfigkeit und ihre Klugheit. Ich mag die Erzählweise, in der Etties Geschichte nur sehr langsam und in kleinen Häppchen ans Licht kommt. Natürlich ahnt man, was die junge Frau so alles treibt, da macht auch der wunderbare Prolog schon zu Beginn neugierig.
Auch Josephs Lebensgeschichte ist mir sehr zu Herzen gegangen. Der frühe Tod der Mutter und das Unverständnis des Vaters haben ihm schwer zugesetzt, die Rückkehr des geliebten Bruders als seelisches Wrack aus dem Krieg haben ihm den Rest gegeben. Ich bewundere Joseph, dass er sich trotz der widrigen Umstände versucht, sein eigenes Leben mit seinen wirklichen Interessen aufzubauen. Die zarten Bande zu Ettie sind sehr gefühlvoll erzählt.
Tartuffe ist als Despot und Tyrann beschrieben, mit Wutausbrüchen und unvorhersehbaren Launen. Doch tief in ihm versteckt lauert die Angst, Ettie zu verlieren, da er weiß, dass er ohne sie niemals alleine zurecht käme.
Sehr gefühlvoll beschreibt Lucy Steeds in ihrem Romandebüt hier drei völlig verschiedene Künstlerseelen, die jeweils auf ihre eigene Weise versuchen, sich in ihrem Leben zu behaupten. Dabei entsteht vor dem Auge des Lesenden die Landschaft der Provence im Sommer, genauso wie die beschriebenen Bilder und die Gerüche. Man meint fast, den Lavendel zu riechen, das Terpentin, die Farbe und die vergorenen Früchte.
Ein Buch, das sehr viel Spaß macht beim Lesen. Man erlebt das Gefühl eines heißen französischen Sommers, eine ganz sachte Liebesgeschichte und die Launen eines gefeierten Künstlers. Auch wenn es besagten Tartuffe nicht im wirklichen Leben gab, so tauchen doch auch berühmte Maler aus der damaligen Zeit auf, wie zum Beispiel Cezanne. Das schlägt die Brücke zwischen einer fiktiven Geschichte und der Zeit um 1920 im Künstlermilieu.
Ein gefühlvoller und interessanter Roman wie gemacht für den Sommer, der das hält, was das schöne Cover verspricht. Der aussagekräftige Untertitel "Die Farben des Lichts" gefällt mir hier noch besser als der eigentliche Titel. Eine unbedingte Leseempfehlung für alle, die eine leichte, angenehm erzählte und gefühlvolle Unterhaltung zu schätzen wissen.