Perspektivwechsel

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aoibheann Avatar

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Die Geschichte hat mich wirklich überrascht, durch eine Erzählweise. Der Stil ist weich, sanft, alles ist beschrieben, als würde man ein Gemälde für jemanden beschreiben. Auf den ersten Blick wirkt es etwas distanziert, aber diesen Eindruck musste ich schon bald revidieren. Die Gefühle der Figuren liegen zum Teil wie unter einer dicken Schicht Farbe verborgen, die sich einem erst Schicht für Schicht offenbart.

Joseph ist ein junger Mann, auf der Such nach sich selbst. Als er bei Tartuffe eintrifft, sucht er nach Anerkennung, einem Platz an dem er sich beweisen kann. Er ist ein wenig ein Träumer, ein Idealist. Sehr verfangen ins seinen Vorstellungen, wie ein Künstler sein hat. Die schroffe und abweisende Art Tartuffes erschreckt ihn.
Tartuffe, Tata, ist alles andere als ein einfacher und einladender Charakter. Er ist ein Choleriker, ein Tyrann der über sein Reich herrscht, unverhältnismäßig schroff und überheblich. Jedes Detail des täglichen Lebens ist allein auf ihn und seine Bedürfnisse ausgerichtet. Es fällt nicht schwer, diese Figur so richtig abstoßend zu finden. Seine Nicht Sylvette, Ettie, schwebt wie ein Geist um alles herum. Tata ist furchtbar grausam zu ihr. Er hält sie klein, schirmt sie von allem ab, gesteht ihr kein eigenes Leben zu. Man bekommt schnell den Eindruck, dass er sie bestraft. Aber wofür? Was kann diese junge Frau bereits als Kind furchtbares getan haben, um so behandelt zu werden? Diese Frage schwebt sehr lange über allem. Etties Leben erscheint traurig und lieblos. Und dann verschiebt die Autorin ein bisschen die Perspektive. Nur ein ganz kleines bisschen. Und schon verschiebt sich das Bild. Nicht, dass Etties Leben plötzlich ein Quell der Freude und des Glücks werden würde. Aber es zeigt sich, wie der große und berühmte Künstler im Grunde von seiner vermeintlich unbedeutenden Nichte abhängig ist. Ein gelungener Kunstgriff, der der Handlung einen spannenden Twist gibt und man mit jedem Kapitel staunt, wie Ettie sich verwandelt. Natürlich endet das Ganze in einem großen Drama, mit dem Ettie sich aus ihrem Gefängnis befreien kann. Der Aufbau bis zu diesem Punkt ist langsam und stetig. Nachdem man über lange Zeit Tatas Ausbrüche verfolgt hat, ist man als Leser dann schon fast froh, dass es zu dieser Eskalation kommt. So erdrückend fühlt sich die Stimmung an.

Größter Kritikpunkt: Das Buch hätte an einigen Stellen geraffter und weniger ausführlich sein dürfen. Die Farben und Formen der Speisen etwa. Man merkt als Leser spätestens nach dem zweiten Mal, dass dies ein wichtiger Punkt ist. Das muss für meinen Geschmack nicht jedes Mal bis ins äußerste Detail ausgeführt werden. Manche Details sind auch unwichtig für die weitere Handlung, werden aber trotzdem ausführlich erklärt. Das große Geheimnis um Ettie wird am Ende dann doch gelüftet. Tatas Reaktion passt zu der erschaffenen Figur. Ich finde das große Geheimnis allerdings ziemlich banal und, gemessen an dem langen Aufbau und den vielen Anspielungen - schon fast enttäuschend.

Lesenswert finde ich das Buch trotzdem. Allein schon weil ich den Aufbau sehr clever finde und nichts wirklich so ist, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint.