Weg ins Licht

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annnnnnna Avatar

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Saint Auguste de Provence, Südfrankreich, 1920. Der junge Journalist Joseph Adelaide erhält die einmalige Gelegenheit, den berühmten Maler Édouard „Tata“ Tartuffe zu treffen. Zurückgezogen lebt der exzentrische Künstler gemeinsam mit seiner Nichte Ettie in seinem Haus in der Provence. Während Joseph immer tiefer in Tatas Welt eintaucht und sogar selbst Modell für ihn steht, beginnt ihn vor allem Ettie zu faszinieren. Still, unscheinbar und stets im Hintergrund scheint sie zunächst kaum greifbar. Doch je länger Joseph bleibt, desto deutlicher erkennt er, dass sich hinter ihrem Schweigen eine Geschichte voller Unterdrückung, Sehnsucht und unausgesprochener Verletzungen verbirgt.

Lucy Steeds schreibt unglaublich bildhaft, intensiv und atmosphärisch. Die Provence mit ihrem flirrenden Licht, dem Duft von Lavendel, dem abgeschiedene Atelier und die schwere Stille zwischen den Figuren wurden beim Lesen so lebendig, dass alles sofort vor meinem inneren Auge entstand.

Besonders beeindruckt hat mich die Figurenzeichnung. Tata ist ein exzentrischer Künstler, bei dem Genie und Wahnsinn erschreckend nah beieinanderliegen. Launisch, jähzornig und vollkommen von sich selbst eingenommen beherrscht er sein Umfeld mit unsichtbarer Macht. Und mittendrin Ettie, die jahrelang klein gehalten, unterschätzt und beinahe erstickt wurde. „Sie war gefangen in einem Haus mit einem Mann, der sie mit unsichtbaren Fesseln hielt.“ Dieses Zitat (S. 174) bringt ihre Situation erschütternd gut auf den Punkt.

Wie ein Gemälde, das nach und nach Konturen annimmt, entfaltet auch dieser Roman seine Wirkung Schicht für Schicht. Mit jeder Seite zieht er einen tiefer hinein in diese Geschichte voller unausgesprochener Wahrheiten, verdrängter Sehnsüchte und emotionaler Abhängigkeiten.

Besonders stark fand ich die Verbindung aus Kunst, Kriegsnarben, weiblicher Unterdrückung und der Suche nach Identität und Selbstverwirklichung. Lucy Steeds gelingt es, all diese Themen sensibel und eindringlich miteinander zu verweben, ohne dass die Geschichte jemals überladen wirkt.
Und dann schließt sich Jahre später in der Londoner National Gallery der Kreis auf eine Weise, die noch lange nachhallt.

Ein intensiver, kluger und atmosphärisch dichter Roman über Kunst, Macht und eine Frau, die viel zu lange im Schatten eines anderen leben musste.