Sitzt der Lippenstift noch oder war ein Zombie am Werk?

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amelien Avatar

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„Als wir sämtliche Wälzer auf dem Tisch durchgeblättert haben, schweigt Wren eine ganze Weile lang; dabei beißt einer ihrer leuchtend weißen Schneidezähne in die verblassten Reste ihres vormals vollkommenen Lippenstifts.“ (Seite 170)

Optisch ist das Buch ein echter Hingucker, doch inhaltlich ist es eine zähe und teilweise wirre Angelegenheit. Hier spürt man magische Ansätze, welche leider auf der Stelle treten, gepaart mit einem erzwungenen Schreibstil der viel Können zeigen möchte.

Der Job klang eigentlich leicht: Die Schwestern Ruby und Wren sollten für einen Abend die Enkeltöchter der exzentrischen Mrs. Blackgate spielen, ein harmloses Schauspiel während eines Dinners im legendären Hegemony Manor. Doch aus dem prunkvollen Abend wird schnell ein Albtraum. Die Schwestern finden sich in einer klassischen Locked-Room-Situation wieder. Das Herrenhaus ist verschlossen, ein Geist hat einen tödlichen Wettkampf ausgerufen und alle anderen Gäste sind dazu noch mächtige Hexen. Mittendrin Ruby, die versuchen muss, die Rätsel zu lösen, während sie dem undurchsichtigen Elementarmagier Auden besser nicht trauen sollte.
Wie würde man sich als einziger Nichtmagier unter einem Haufen Magier fühlen?
Was wenn man dann noch sein Herz an einen von ihnen verliert?

Zunächst möchte ich die Optik loben. Das Cover und der Farbschnitt sind ein absoluter Hingucker und passen hervorragend zur magischen Thematik. Den Schreibstil empfand ich als anstrengend und aufgesetzt. Es sind schöne Sätze keine Frage, viele Verschachtelungen und Beschreibungen. Die Autorin verliert sich teilweise dabei in unwichtigen Details. Meiner Meinung nach liegt dabei auch oft dabei der Fokus darauf wie perfekt oder nicht mehr perfekt der Lippenstift sitzt. Außerdem wurde unglaublich viel über Magie gesprochen, aber gefühlt kaum echte Magie gewirkt, es war mehr ein „Erzählen“ als ein wirkliches „Erleben“.
Die Charaktere hatten zwar Potenzial, blieben für mich aber wenig greifbar. Besonders die Liebesgeschichte wirkte auf mich nicht authentisch, das nötige Knistern wollte einfach nicht überspringen. Zudem machte es die hohe Anzahl an Figuren und Namen schwer, den Überblick zu behalten, wer zu welcher magischen Linie gehört. Mir ist keiner nennenswert in Erinnerung geblieben, ihre Motive waren nicht immer klar und es wirkte nicht ganz rund dadurch.

Weshalb nur 2,5 Sterne?
Obwohl das Setting eines uralten Herrenhauses perfekt für eine spannende Familiensaga oder einen Krimi wäre, fühlte sich hier alles sehr eingeengt an. Die Handlung trat streckenweise auf der Stelle und verlor sich in ellenlangen Dialogen. Ein absoluter Stilbruch und wild waren für mich die Zombies, die plötzlich auftauchten. Sie passten für mich einfach nicht ins restliche Worldbuilding und wirkten deplatziert. Man kann zwar eigene Theorien entwickeln, doch die Geschichte liefert oft zu wenig Klarheit, was das Miträtseln eher frustrierend macht. Ich hatte ehrlichweise auch gar keine Lust mit zu rätseln, weil alles so in die Länge gezogen wurde. Jedes Gespräch wurde nahezu zelebriert und verlor sich in Belanglosigkeiten. Dadurch verging mir schnell die Lust an der Geschichte und ihrer Auflösung.

Fazit: Ein interessanter Mix aus Magie und Rätseln mit einem unerwarteten Twist am Ende, der leider durch eine zähe Erzählweise und eine unübersichtliche Handlung ausgebremst wird. Wer eine dichte Atmosphäre und greifbare Magie sucht, wird hier leider enttäuscht. Ich möchte das Buch an dieser Stelle nicht weiterempfehlen, aber wer mag, liest auf eigene Gefahr selbst…

2,5⭐️