Spannender Thriller mit einem unerwarteten Twist

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kleine hexe Avatar

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Der Anfang ist sehr spannend. Zuerst fiebern und bangen wir mit der Frau, die vor ihrem gewalttätigen Freund aus dem Trailerpark fliehen muss. Als die Flucht gelingt, atmen wir auf. Sind alle Beziehungen in einem amerikanischen Trailerpark gewalttätig und die Frauen immer das Opfer? Doch zurück zum Buch: Stephanie tritt eine normale, banale Geschäftsreise für ihren Sender an. Im Flugzeug sitzen Stephanie und Jasmine nebeneinander, sie kommen ins Gespräch und der Thriller kann richtig loslegen. Na ja, eigentlich dann doch noch nicht. Das ist eine taktische Finte von Jessie Garcia: Alle beteiligten Personen erzählen die Geschehnisse, so wie sie sie sehen, wie sie sie erleben, was sie dabei denken und empfinden. Aber nach den ersten Szenen des Flugs kommen alle anderen zu Wort, Nachbarn, Kollegen, Freunde, Vorgesetzte, Katzensitter, usw. usf., aber Jasmine oder Stephanie nicht mehr, erst in der zweiten Buch Hälfte hören wir wieder von Jasmine. Irgendwann war ich kurz davor, das Buch aufzugeben, weil ich eigentlich von Stephanie und Jasmine hören wollte, nicht von Kollegen, Teilnehmern an der Konferenz und anderen. Doch dann meldet sich Jasmine zu Wort. Und das ist nicht so schön, was sie da schildert und uns innehalten lässt. Eigentlich hat Jasmine es faustdick hinter den Ohren. Erstens kann sie blitzschnell umdisponieren, komplett gegensätzliche Entscheidungen treffen und danach auch handeln. Weil sie der Meinung ist, das Leben schulde ihr etwas, holt sie sich einfach was sie will, schreckt auch vor Mord nicht zurück. Und nun erfahren wir auch ein weiteres verstörendes Detail aus ihrer Kindheit. Was mich ein wenig verwundert: Jasmine wohnt in einem Trailerpark, hat nur ein Handy, keinen Laptop oder PC, ihre Kollegin muss ihr zeigen, wie sie sich einen Uber bestellt. Und doch kann sie später mit Stephanies Laptop problemlos umgehen, Bankgeschäfte tätigen, Geld abheben, und dergleichen mehr. Sie kann auch einen Mietwagen bestellen, wo sie vorher nicht ein Uber rufen konnte. Sie kann einmal Gedachtes sofort in die Realität umsetzen. Sie denkt an Latexhandschuhe, an große Koffer, an Scheren und Haarfarben, an Beutel mit Eis und an Gewichtshanteln. Woher hat sie die Fähigkeit, Pläne bis ins kleinste Detail auszuarbeiten und umzusetzen? Und vor allem, keine Fehler dabei zu machen. Schon die vielen falschen Fährten und Spuren, die sie legt, in ihrem und Stephanies Umfeld. Das war genial. Moralisch ist es falsch, was sie da tut, auch ihre Begründung, mit der sie ihre Taten vor sich selbst rechtfertigt, ist falsch. Aber die Resultate sind genial. Was sich Jasmine in den Kopf setzt, das gelingt ihr. Sie, die kleine, unterdrückte Trailer-Maus kommt gleich bei ihrem ersten richtigen Ausbruchsversuch aus dem Trailer groß raus.
Das Ende, dieser unerwartete Twist, der irgendwie aus dem Nichts auf Jasmine herabstürzt, ist großartig. Ich hatte fast Mitleid mit Jasmine. Irgendwie hätte ich ihr das kleine blaue Haus gegönnt. Aber bei zwei Morden, einer im Affekt, der andere kaltblütig, da wird sie in der US-Justiz lebenslänglich erwarten, Der Epilog des Buches, als alle Fragen geklärt waren und nichts mehr offen war, hat mir auch sehr gut gefallen, das war der richtige Schlussstrich unter dieser bösen, faszinierenden, spannenden, schönen, schockierenden Geschichte.