Mit dem Messer gegen die Exfreunde

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kirakolumna Avatar

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Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass dieser Text mit vertrauten Geschlechterbildern nicht besonders viel Geduld hat. Männer dürfen hier weinen, Frauen sind nicht automatisch die moralisch Überlegenen. Das hätte sich früher wie ein mutiges literarisches Statement angefühlt, ist heute allerdings eher das, was ich beim Lesen voraussetze. Das Buch scheint sich dessen bewusst zu sein. Das literarische Ich hat sichtbar keine Lust mehr auf die ewige Schieflage, in der Frauen den Männern liebevoll den Splitter aus dem Auge ziehen, während sie den Holzbalken in ihren eigenen Augen geflissentlich übersehen. Diese Müdigkeit ist sehr gut nachvollziehbar und fühlt sich zeitgemäß an.
Kurz darauf kippt der Text jedoch in eine deutlich drastischere Richtung. Die Frau mit dem Messer ist kein bloßes Symbol, sondern eine reale Bedrohung. Dass angedeutet wird, sie habe dieses Messer möglicherweise schon früher benutzt (vermutlich gegen Männer), kommt eher abrupt und unerwartet. Genau das erzeugt aber sofort Spannung.
Darauf folgt ein Bruch, der fast irritierend wirkt: eine Art Kennenlernphase, die man eigentlich kaum so nennen kann, weil sie von deutlichen Stalker-Tendenzen des literarischen Ichs überschattet wird. Es scheint sich um denselben Mann zu handeln wie zu Beginn, was der Geschichte eine unheimliche Klammer gibt. Und als hätte der Text noch nicht genug mit zeitlichen Erwartungen gespielt, springt er anschließend erneut nach vorne, zu Ex-Freund Nummer eins.
Was all diese Ebenen zusammenhält, ist die Sprache. Sie hat Tempo, arbeitet mit starken und präzisen, aber nicht überladenen Bildern und liest sich durchgehend angenehm. Trotz der harten Themen wirkt nichts plump oder erklärend. Dieser Einstieg macht Lust auf mehr, weil er nicht erklärt, sondern andeutet.