Nichts ist so wie es scheint

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
rosenfreund Avatar

Von

Das Cover dieses Romans ist sehr besonders durch das große, beobachtende Auge, und es hat mich, ebenso wie der Titel, der direkt aus dem englischen Original beibehalten wurde, gleich auf das Werk aufmerksam gemacht.
Mit diesem Erstlingswerk hat die dunkelhäutige Autorin heikle Themen angesprochen, und ihre Protagonistin, Natalie, ist ebenfalls schwarz. Dabei wird die Frage evident, ob sie, die durch ihre westafrikanische Herkunft in 2 Kulturen verortet ist, durch ihre “Besonderheit“ nicht oftmals als exotische Gespielin im erzkonservativen, angelsächsischen London angesehen wird. So gibt ihr jetziger, weißer Ehemann, ihr Chef, an, dass sie seine erste dunkelhäutige Beziehung ist. Als seine Büroleiterin hat sie seine Nähe und Fürsorge gesucht. Aber sie hat bereits 3 Beziehungen zu weißen Männern gehabt, wurde von diesen schlecht behandelt, und kann sich nun nicht daran erinnern, ob sie an deren Tod mitverantwortlich ist. Dieses ist der Dreh- und Angelpunkt der Handlung, und es macht “The Exes“ für mich einzigartig, denn die Protagonistin ist sehr zwiespältig in ihren Gefühlen, versucht Identitätsfindung in Therapiesitzungen, die detailliert geschildert werden, und will nicht weiter machtlos sein, sich stattdessen ihrer Angst stellen. Ist sie eine Psychopathin, die sich eine Fantasiewelt geschaffen hat? Sind ihre Mordgelüste nur unterschwellig angelegt? Inwiefern spielen Gewalt während ihrer Kindheit und die psychischen Probleme ihrer Mutter eine Rolle bei ihrer Entwicklung? Während der Handlung verschlimmert sich ihr nervlicher Zustand zusehends, und man muss sich fragen, ob Gaslighting bei ihr angewendet wird.
Der Abusus von Drogen und viel Alkohol bei Feiern machen für mich eine Identifikation schwierig.
Die Beziehung zu ihrer Schwester ist ebenfalls sehr besonders. Sie ist auch zwiespältig und undurchsichtig angelegt, jedoch detailliert beleuchtet, ebenso wie die anderen Figuren.
Erzähltechnisch finden sich gelegentlich geschraubte Bandwurmsätze, durchsetzt von Metaphern, die ihren schwierigen Seelenzustand beschreiben. Ansonsten finden wir eingängige Diktion, durchsetzt mit realitätsnaher wörtlicher Rede.
In recht kurzen Kapiteln findet ein Wechsel zwischen „Jetzt“ und „Damals“ statt. Das würzt die Erzählperspektive, besonders, da auch nicht nur von Natalie in der Ich-Perspektive berichtet wird, sondern auch später andere Personen ihre Meinung äußern und so zur Klärung der Gesamtproblematik beitragen. Starkes psychologisches Einfühlungsvermögen von Seiten der Autorin wird deutlich, und so ist auch das Werk für Personen mit Interesse an Psyche empfehlenswert, denn viele emotionale Ausnahmezustände, Rachegelüste und Eifersucht werden dargelegt.
Viele unerwartete Wendungen und ein gänzlich überraschendes Ende machen das Werk spannend, obwohl es erst ab der Hälfte so richtig abgeht. Vieles ist leider recht realitätsfern und konstruiert, was aber der Tiefgründigkeit keinen Abbruch tut. Besonders Frauen können sich sicherlich gut in die Protagonistin hineindenken.