Wenn Erinnerungen lügen.

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
bücherhummelchen Avatar

Von

Das Hörbuch "The Exes – Nichts ist gefährlicher als das, was du vergessen wolltest" von Leodora Darlington wird gesprochen von Sandrine Mittelstädt, Viola Müller und Benito Bause. Was zunächst wie die Geschichte einer Frau auf der verzweifelten Suche nach der großen Liebe klingt, entpuppt sich schnell zu einem psychologischen Thriller, der mit Wahrnehmung, Erinnerung und Wahrheit spielt.

Erzählt wird in der Ich-Perspektive, die zwischen den Schwestern und ein paar wenige Kapitel aus James Sicht wechselt. Genau dieses Stilmittel sorgt für eine ganz besondere Dynamik. Zunächst scheint alles klar. Es geht um Natalie und ihre verstorbenen Ex-Freunde. Drei Männer, drei Todesfälle – und immer war sie in der Nähe. Die Erzählweise legt bewusst eine Fährte, die logisch erscheint. Ich habe beim Hören automatisch Erwartungen aufgebaut. Doch genau in dem Moment, in dem sich ein scheinbar stimmiges Bild formt, kippt die Perspektive. Ein neuer Blickwinkel, eine andere Erinnerung, eine zusätzliche Information – und das zuvor so schlüssige Konstrukt bekommt Risse. Ich habe permanent spekuliert, Theorien aufgestellt und sie im nächsten Kapitel wieder verworfen.

Es geht nicht nur um Mord oder Schuld, sondern um Enttäuschung, um Selbstbilder und darum, wie weit man geht, wenn man glaubt, wieder alles zu verlieren, um weibliche Rache. Die Figuren sind vielschichtig und niemals eindeutig gut oder böse. Gerade Natalie bleibt bis zum Schluss schillernd – mal verletzlich, mal kontrolliert, mal erschreckend kalt.

Ein riesiger Pluspunkt des Hörbuchs sind die Sprecherinnen und Sprecher. Sandrine Mittelstädt, Viola Müller und Benito Bause verleihen den wechselnden Perspektiven eine enorme Intensität. Jede Stimme hat ihre eigene Färbung, ihre eigene emotionale Tiefe. Besonders die Passagen, in denen Zweifel und unterschwellige Bedrohung mitschwingen, sind großartig interpretiert. Dadurch wirkt das Geschehen noch unmittelbarer, fast beklemmend nah.
Was mich am meisten fasziniert hat: Immer wenn ich dachte, ich hätte das Spiel durchschaut, kam eine Wendung, die alles in ein neues Licht rückte. Rückblicke, Andeutungen und kleine Details fügen sich erst nach und nach zu einem Gesamtbild – und selbst dann bleibt ein Rest Unsicherheit. Genau dieses Gefühl macht für mich einen gelungenen Psychothriller aus.
Für ein Debüt ist das erstaunlich souverän geschrieben. Leodora Darlington beweist ein feines Gespür für Spannungsaufbau und psychologische Abgründe. „The Exes“ ist kein lauter Thriller, sondern einer, der sich langsam unter die Haut schiebt – und dort bleibt.

Für mich war dieses Hörbuch intensiv, verstörend und absolut fesselnd. Wer Geschichten liebt, in denen man niemandem ganz trauen kann – nicht einmal der Erzählerin selbst –, sollte hier unbedingt reinhören.