Wohlfühlfantasy, die sich Zeit lässt (sehr viel Zeit)

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pandemonium Avatar

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Man nehme eine männliche, leicht misanthropische Haushexe, ein gerecht regierendes Königspaar (kann dieses Wort irgendwie sinnvoll gegendert werden?), ein, zwei Schurken mit eindeutig toxischer Männlichkeit, natürlich eine schlagfertige und selbstbewusste Schönheit und noch ein paar humorige Sidekicks (gern auch ein Fellträger) – dazu eine wunderbare Schreibe und fertig ist der Cozy-Fantasy-Roman.
The House Witch ist der erste Teil einer neuen Reihe von Autorin Emilie Nikota, der für einen Roman mit leichtem Fantasy-Einschlag, dessen Handlungsbogen und Worldbuilding überschaubar sind, mit beachtlichen 604 Leseseiten aufwartet. Ja, da gibt es natürlich ein paar Längen. Nein, das ist trotzdem kein bisschen langweilig.

Worum geht’s? Fin ist der neue Koch des Königs. Allerdings unterscheiden sich seine Vorstellungen von der Organisation der Schlossküche komplett von denen der anderen Schlossbewohner. Zum Glück spricht seine Kochkunst für sich, und für alle, die sich nicht von seinen himmlischen Gerichten verzaubern lassen, hat er noch einige andere Fähigkeiten auf der Zutatenliste. Eigentlich will Fin nur in Ruhe kochen. Doch dem König von Daxaria steht ein Krieg bevor, und ehe der Koch den königlichen Rittern gezeigt hat, was wirkliche Ritterlichkeit bedeutet, befindet er sich mittendrin in Hofintrigen, Spionageverdacht und im Wettstreit mit dem königlichen Magier.
Natürlich können sich Hexen und Magier nicht ausstehen. Seit der Hexenverfolgung sowieso. Eigentlich wollte Fin sich bedeckt halten, was seine Hexenkraft betrifft – zu oft wurde er schon von Menschen enttäuscht. Doch eine Hexe ist eben von Natur aus mit Magie begabt – im Gegensatz zu den Magiern. Und wenn dann noch eine wunderschöne, extrem schlagfertige und geheimnisvolle Lady ins Spiel kommt, kann eine männliche Haushexe mit ungewöhnlich starker Magie schon mal den Kopf beziehungsweise die Deckung verlieren.

The House Witch liest sich wunderbar leicht, ist unterhaltsam und äußerst humorvoll. Die Autorin versteht es, ihre Leser:innen mitzunehmen und durch die Geschichte zu tragen. Die Figuren sind liebevoll beschrieben, wenn auch leicht stereotypisch angelegt. Das Mittelalter-Setting trägt die hierarchische Struktur und macht – trotz aller Gleichberechtigung, die hier als Charakterzug der „guten“ Figuren ins Auge sticht – die Standesunterschiede sowie deren Folgen plausibel.
Die Magie beschränkt sich buchstäblich auf das Haus, dessen Umgebung und seine Bewohner. Das ist relativ unspektakulär, gehört aber auch zur wohligen Atmosphäre des Buchs. Und so passiert auf über 600 Seiten eigentlich ziemlich wenig: Die interessant und mit Potenzial angelegten Charaktere entwickeln sich nur unmerklich, und auch die wenig überraschende Liebesgeschichte zwischen Fin und Annika ist kaum handlungsleitend.

Einzig etwas mysteriös und mit dramatischem Potenzial sind folgende Fragen: Warum hat Annika ihm Kater Kraken, seinen hexischen Gefährten, gebracht – weil sie wusste, dass er eine Hexe ist? Was hat es mit der Macht der mutierten Hexen auf sich? Wird es einen finalen Showdown zwischen Fin und seinem Vater geben? Warum gibt es eine Unterhandlung im Bereich der Katzenbanden? Woher wusste die Seherin von Fins Hexenkräften, und was meint sie mit seiner „Größe“?

Ich habe das Buch sehr gern gelesen. Ich mochte die nahezu gewaltfreie Handlung, den gerechtigkeitsliebenden Fin, die unerschrockene Annika, das gütige Herrscherpaar. Ich mochte die loyalen Ritter, die der Küchenmagd Hannah hinterherschmachten, und den Feminismus; dass Homosexualität, aber auch Homophobie thematisiert werden, und dass es Trinkspiele wie auf einer Studentenparty gibt.
Wer also keine High Fantasy sucht, sondern ein Buch zum Wohlfühlen und Abschalten, ist bei The House Witch goldrichtig.