So viel mehr als eine typische Love-Triangle Romance

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franci Avatar

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Für mich zählt Abby Jimenez zu den wenigen Autorinnen, die es verstehen, Ernst und Humor auf natürliche, authentische Weise zu kombinieren, Geschichten mit ungeahnter Tiefe und sensiblen Inhalten auszustatten, ohne dabei an Romantik, Leichtigkeit und Amüsement einzubüßen.
So auch in „The Night We Met“:

Seit Kindesbeinen bewegt sich Larissa mit ihrer Mutter am Existenzminimum, kämpft gegen die Schulden des Mannes, der längst kein Teil mehr der Frauen ist. Larissa nutzt jede Chance, um Geld zu verdienen, arbeitet unermüdlich. Hauptsache nicht werden wie Nancy, die nur zu gerne ihre Fehler wiederholt, sich aushalten lässt und auf die falschen Kerle setzt.
Bei einem Konzert trifft die Kellnerin auf Chris und Mike und muss sich entscheiden, welcher der beiden sie nach Hause fahren soll. Statt sich dem unnahbaren und mürrisch dreinblickenden Chris aufzudrängen, steigt sie zu dem weitaus offener wirkenden Mike ins Auto – und so beginnt eine unvergessliche, schmerzlich echte Liebesgeschichte … nur nicht so, wie es sich das Trio in dieser Nacht voller Möglichkeiten und Aufregung vorgestellt hat.

Erzählt wird aus wechselnder Perspektive, so erfahren wir, dass Chris nicht nur unter dem Verlust seiner Mum, sondern auch unter Schuldgefühlen, Alpträumen und Einsamkeit leidet. Schnell zeigt sich, dass der Apotheker anstandslos und jederzeit für seinen besten Freund da ist, ihn deckt und für ihn lügt, während Mike lediglich auf sich, Sport und Partys fokussiert zu sein scheint. So springt Chris selbst für den Klempner/Personaltrainer ein, wenn es um dessen neue Freundin geht. Larissa. Die ihre eigenen Päckchen zu tragen hat. Die es verdient, glücklich zu sein. Die weder nach Hilfe fragen will noch diese annehmen kann. Die Bücher und Diskussionen so liebt wie er.

Als Chris und Larissa beginnen, sich das Sorgerecht für ihr Findelkind, den ausgesetzten und vernachlässigten Mischling Wufferine, zu teilen, teilen sie auch Erinnerungen, Anekdoten und ihre Hoffnungen, lernen einander immer besser kennen, entdecken Gemeinsamkeiten. Werden zu Vertrauten, Freunden und mehr. Chris kann sich der Tatsache, wie falsch seine Gefühle sind, nicht versperren und kann Larissa doch nicht aus dem Weg gehen. Dabei wissen beide, wie falsch das ist.
Aber ist es das wirklich?

Jimenez macht es uns unglaublich leicht, sich in diese verquere dreier Dynamik, die aufkommende Anspannung und das Gefühlschaos zu versetzen. Ich verstand Chris' und Larissas Gewissensbisse, ihre Versuche, sich gegen die Verbindung, die sie unbestreitbar zueinander zieht, zu sträuben, um Mike zu schützen und den stabilen Freundeskreis nicht zu gefährden. Mikes Bequemlichkeit, seine Selbstüberschätzung und die Ignoranz, mit der er seine mentale Verfassung bedachte, machten es hingegen schwer, seine Liebesschwüre nachzuvollziehen. Gleichzeitig sind seine Probleme offensichtlich. Larissa beginnt indes immer häufiger, an ihm und seinen hochtrabenden Worten, auf die selten Taten folgen, zu zweifeln. Hat sie sich damals für den Falschen entschieden?
Dieser Gedanke lässt Larissa einfach nicht los. Denn im Gegensatz zu Mike, der mit Unzuverlässigkeit und Ausreden glänzt, unterstützt Chris sie, hört ihr zu, lacht und schweigt mit ihr, sorgt sich um sie …

Egal ob als Freunde, Hunde-Eltern, Mitbewohner – Larissa und Chris waren perfekt, unglaublich stimmig und harmonisch im Miteinander, sich ergänzend und bereichernd.
Chris ist hierbei eine absolute Greenflag. Er geht stets achtsam mit Larissa und deren schwerer Nussallergie um, supportet sie bedingungslos – auch wenn sie nichts davon ahnt. Und Larissa gibt ihm dieselbe Aufmerksamkeit zurück.
Im Verlauf knistert es gewaltig, erst im Stillen, dann deutlicher zu vernehmen. Heimlich, verzweifelt und wortlos.
Bis alle Lügen und Halbwahrheiten ans Licht kommen, Enttäuschung und Schmerz, Wehmut und Zerrissenheit die Geschichte fluten. Dabei ist „The Night we Met“ frei von aufgebauschten Dramen und unnötigen Konflikten. Reale, bittere, sensible Themen untermalen Abbys Lovestorys nicht nur, sie begleiten sie und spielen eine essenzielle Rolle, die sich an Aus- und Aufarbeitung erfreut. Nichts wirkt gehetzt oder überstürzt – weder Zusammenfinden noch Entwicklungen oder Erkennen.
Stilistisch liest sich dieses Buch wieder sehr modern, klar und einfühlsam. Die Settings waren bildreich inszeniert, die Empfindungen mit einer poetischen Nuance bestückt und die Charaktere geben Raum, um sich mit ihnen zu identifizieren. Spritzige, interessante und bewegende Gespräche warten im gleichen Maße wie zarte Romantik, Freundschaft und Humor.
Es braucht Zeit, bis Chris und Larissa uns und einander an ihren Ängsten teilhaben, ihre Mauern vollends fallen lassen, sich verletzlich und echt, ungefiltert zeigen. Durch den anderen und gemeinsam hinterfragen sie eigene Muster und Prinzipien, lassen los, was ihnen schadet, egal wie weh es tut. Denn wie soll sich etwas ändern, wenn du immer durch dieselbe Tür trittst?

Abgesehen von den Protagonisten und Mike, der die wohl größte Veränderung durchleben muss, sind auch Xavier, Jesse, Samantha und Becca, die wir bereits in anderen Romanen von Jimenez kennenlernen durften, sowie Larissas beste Freundin Lexi präsente Figuren. Für allerhand Skurrilität ist Wufferine, vor dem weder Müll noch Tiere sicher sind, verantwortlich und auch etliche andere Szenen sind so schräg, dass mensch gar nicht anders kann, als laut zu lachen und mitzuschmunzeln. Viele, viele Aussagen drängen zum Nachdenken und berühren tief. Wir werden in dieser Slow-Burn-Romance u. A. mit den Hürden von KellnerInnen und ApothekerInnen, mit Suchterkrankungen, Allergien und Trauer konfrontiert, mit toxischen Beziehungsmustern, Traumata, Narzissmus und Abhängigkeit.
Abby Jimenez erzählt von frischen Wegen, neuen Zielen und dem Glauben an sich selbst, davon, dass das Herz will, was es will, und davon, dass Hilfe anzunehmen kein Zeichen von Schwäche ist.
Ich hoffe auf baldigen Nachschub.