Etwas flach, aber herzzerreißend

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majca_ Avatar

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"Was bringt es uns zu leiden, wenn es nichts zu gewinnen gibt?"

3.5 ★
Ich kann gut nachvollziehen, warum dieses Buch viele Leser:innen begeistert hat. Auch ich bin durch die Seiten geflogen. Das hohe Tempo, die kurzen Kapitel und die hintergründige Spannung machen es schwer die Geschichte aus der Hand zu legen.

Gleichzeitig ist genau dieses Tempo auch eine der größten Schwächen des Romans. Es passiert so unglaublich viel, Wendungen, Entscheidungen, einschneidende Ereignisse, doch die Handlung nimmt sich keine Zeit diese wirken zu lassen oder auszubauen. Weder die Leser:innen, noch Wei selbst, bekommen Gelegenheit die Geschehnisse zu verarbeiten.

Damit hängt auch mein größere Problem zusammen. Obwohl in der Ich-Perspektive erzählt wird bleibt eine deutliche emotionale Distanz bestehen. Man erfährt was Wie widerfährt, doch die emotionale Schwere dieser Ereignisse kommt kaum an, weil man ihren Gefühlen und Gedanken so fernbleibt. Besonders gegen Ende wirken ihre Entscheidungen so überstürzt und kaum nachvollziehbar.
Auch die Begeisterung für ihre Figur kann ich nur teilweise nachvollziehen. Es gibt definitiv einen spannenden Ansatz, aber insgesamt bleibt Wei für mich blass und flach. Fast ehr ein Mittel durch das die Geschichte erzählt wird, statt einer ausgearbeiteten Persönlichkeit. Und auch die zum Teil traumatischen Erfahrungen, die sie durchlebt, scheinen kaum Spuren zu hinterlassen, auch wenn der Text gelegentlich anderes behauptet.

Das schnelle Erzähltempo wirkt sich zudem auf das worldbuilding aus. Auch hier liegen interessante Grundideen vor, doch auch sie bleiben größtenteils nur angedeutet. Ich meine, es gab vielleicht zwei kurze Beschreibungen der Räume in denen Wei ihr Leben verbringt, und alles darüber hinaus bleibt noch vager.
Selbst das zentrale Element der Geschichte, die Intrigen am Hof, bleiben hinter seinem Potential zurück.

Trotzdem ist es eine lesenswerte tragische Geschichte, mit starker Thematik, großem erzählerischen Tempo und Ehrgeiz.