Herzzerreißend schön und kaum zu ertragen

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julchentim Avatar

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The Poet Empress von Shen Tao hat mich nicht erst am Ende getroffen. Es hat mich von der ersten Seite an zerrieben. Ich dachte, ich wüsste, worauf ich mich einlasse. Dunkle Hofintrigen, ein grausamer Prinz, ein armes Mädchen, das überleben will. Ich lag absolut falsch.

Yin Wei wächst in einem Dorf auf, das kaum genug zum Leben hat. Sie meldet sich für die Auswahl zur Konkubine des Kronprinzen Guan Terren, ein Mann, der für seine Brutalität bekannt ist. Und was danach folgt, ist schwer auszuhalten. Die Gewalt ist direkt, roh, ohne Beschönigung. Er quält sie, immer wieder.

Das hier ist keine Romantasy, keine Liebesgeschichte! Zwischen Wei und Terren gibt es keine romantische Spannung, keine Sehnsucht, keine körperliche Anziehung. Es geht um Macht, Trauma, Schuld und darum, was aus Menschen wird, wenn man sie immer wieder bricht.

Wei ist eine starke Hauptfigur. Nicht, weil sie kämpft wie eine Kriegerin, sondern weil sie lernt. Sie kann anfangs nicht lesen, weil Mädchen es nicht dürfen. Sie begreift, wie der Hof funktioniert. Sie hört auf, nur zu ertragen, sie handelt und plant. Ihr Wandel ist konsequent und glaubwürdig.

Und Terren? Er ist ein Monster. Er foltert, tötet und verstümmelt. Das Buch macht daraus kein Spiel, trotzdem zeigt Shen Tao, dass er nicht als Tyrann geboren wurde. Seine Vergangenheit ist absolut verheerend und grausam traumatisch. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich ihn verabscheue und gleichzeitig Mitleid empfinde. Das macht die Geschichte so unangenehm intensiv.

Die Welt wirkt durchdacht. Politische Intrigen, Machtspiele und ein Magiesystem, das eng mit Herrschaft verknüpft ist. Alles greift ineinander. Viele Figuren handeln aus Eigeninteresse, denn jeder kämpft ums Überleben. Das erzeugt eine dichte, oft bedrückende Atmosphäre.

Was mich besonders getroffen hat, war die Sprache. Sie ist bildgewaltig, poetisch, fast schon überwältigend, wunderschön, aber auch fordernd und anstrengend. Das ist kein Buch, das man mal eben nebenbei liest. Man muss sich Zeit nehmen. Manche Szenen wollte ich weglegen, weil sie mir innerlich wehgetan haben.

Das Ende hat mich emotional komplett erwischt. Ich war wütend, traurig und leer, und genau deshalb gebe ich "nur" vier Sterne. Objektiv betrachtet ist dieses Buch meisterhaft geschrieben, aber subjektiv hat es mich so sehr verletzt, dass ich es nicht einfach nur genießen konnte.

The Poet Empress ist großartig, aber es ist schwere Kost. Wer sich darauf einlässt, sollte wissen, dass dieses Buch Spuren hinterlässt.