Schuld als Preis der Macht - Moral in einem unmoralischen System

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tanjas buchgarten Avatar

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Was bleibt von einem moralischen Menschen, wenn ein unmoralisches System ihn zwingt schuldig zu werden?


Lest ihr Geschichten, bei denen ihr gleich schon zu Beginn – vielleicht sogar schon beim Klappentext – ahnt, wie sie enden und welche Wendungen sie nehmen werden?

Mir war der Verlauf der Geschichte eigentlich von Anfang an klar, und meine Vermutungen bestätigten sich im weiteren Verlauf immer mehr. Es traf tatsächlich alles bis ins kleinste Detail so ein, wie ich es vermutet hatte.

So verschob sich mein Focus gleich zu Beginn von der Spannung des Plots hin zur moralischen, psychologischen und gesellschaftlichen Dimension.

Was mich jedoch reizte, war die innere Entwicklung, das moralische Ringen und die Frage wie sehr das System die Menschen formt. Die gedankliche Auseinandersetzung mit den Charakteren, ihrer Entwicklung und ihren Handlungen, das moralische Abwägen – und gleichzeitig Fragen wie:
Wie hätte ich gehandelt?
Wie schätze ich ihre Entscheidungen moralisch ein?
Hätten sie sich anders entscheiden können?
Inwieweit ist das vorherrschende System verantwortlich für ihre Entwicklung?
Und immer wieder die Frage was ist mit Terren?


Die einzelnen Charaktere sind vielschichtig, ambivalent in einem Wort: morally grey.
Ihre Gedanken, Gefühle und Handlungsweisen sind zu jedem Zeitpunkt aus ihrem Blickwinkel heraus, sowie im Kontext ihrer Zeit und des Systems betrachtet nachvollziehbar und verständlich meist sogar zwingend notwendig - und doch vom moralischen Standpunkt aus gesehen fragwürdig.

Sie sind Produkte ihrer Zeit, des Systems, des Weltbildes – und dennoch individuell verantwortlich.


Als Leser verstand ich alle ihre Handlungen – und doch…

Wenn man den Blickwinkel ändert, wenn man seinen eigenen Standpunkt verlässt und sich in den Gegenüber hineinversetzt, seine Position und Sichtweise annimmt, verschiebt sich das eigene Weltbild, die Sicht auf die Dinge, auf Richtig und Falsch … und lässt den anderen und seine Handlungen plötzlich in einem vollkomen anderem Bild.


Ihr merkt es vielleicht schon, für mich war und ist Terren die zentrale Figur, die vielschichtigste und emotional berührendste Figur und die am meisten verkante – zumindest wenn man sie so interpretiert wie ich: Terren als derjenige der die Schuld trägt, die andere erzeugt haben.

Derjenige der als einziger durch Macht am wenigsten korrumpierte und moralisch integer ist?

Aber bevor ich zu viel verrate und zu spoilern beginne …

Die Charaktere,
wie anfangs erwähnt vielschichtig und morally Grey.
Alle bezahlen im Verlaufe der Geschichte ihren Preis und verlieren ihre Unschuld.


Die Handlung
für mich vollkommen vorhersehbar, aber genau darin lag für mich ihr Reiz.

Für die meisten dürfte die Handlung viele überraschende Wendungen beinhalten, die sie zwingen ihre bisherigen Annahmen und Einstellung zu den Charakteren immer wieder zu Hinterfragen und zu Ändern.

Aber bei aller Vorhersehbarkeit kam ich nicht umhin zu bemerken wie dramaturgisch präzise
und nahezu genial die aufgebaut ist.
Während die Protagonistin Wei immer weiter von außen nach innen ins Zentrum der Macht vordringt, kommt sie zugleich Terrens innerstem Wesen näher - je höher sie aufsteigt, je mehr sie von deR Macht verführt/versucht wird, desto näher kommt sie der Wahrheit.

Politischer Aufstieg und persönliche Erkenntnis verlaufen ineinandergreifend aufeinander zu, bis sie an der Spitze der Macht steht und ihn - jenseits aller Geschichten und Macht - als Einzige in seinem Leben wirklich sieht.

Angesprochene Themen:

Trauma und psychologische Prägung
wie moralisch integer kann man in einer Welt überleben die einen von Kindheit an alle Menschlichkeit nimmt

Macht, Korruption, moralische Ambivlanez
Charaktere die ständig zwischen Moral, Kampf ums Überleben oder Kampf um Macht zerrieben werden und so ständig über ihre moralischen Grenzen getrieben werden

Liebe, Bindung und Vertrauen
kann man sich jemandem öffnen, Vertrauen aufbauen wenn man von Geburt an instrumentalisiert und traumatisiert wurde?

Opfer und Verantwortung
jeder Charakter opfert, selbst Nebenfiguren haben ihre eigene Agenda

der Begriff der Notwendigkeit bekommt eine neue Bedeutung,
denn es wird deutlich wie oft Menschen dies als Rechtfertigung missbrauchen …

fast jeder Charakter opfert Menschlichkeit oder moralisches Gewissen um ein Ziel zu erreichen oder zu überleben

Machtstrukturen und Systematische Zwänge /System vs Individuum
die Menschen formen, zu Intrigen dem handeln gegen das moralische Gewissen zwingen, die es unmöglich machen vollkommen integer zu bleiben und in dem Moral ständig gedehnt oder gebrochen wird

Verlust von Unschuld
wieviel kindliche Unschuld muss verloren gehen um in bestimmten Systemen zu überleben

Fazit:

Von mir eine klare Leseempfehlung für Leser die vielschichtige moralley grey Charaktere mögen. Für Leser die zwischen den Zeilen lesen und sich gerne mit moralischen Fragen auseinandersetzen