Unkraut neben Lotusblumen

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Inhalt
Yin Wei, Tochter eines Reisbauern will alles tun, um ihren kleinen Bruder vor dem Hungertod zu bewahren. Als einer der Prinzen, Terren, gerade zum Nachfolger des Kaisers gekürt, nach einer Gemahlin sucht, bewirbt auch sie sich. Mit einem Trick gelangt sie in den Palast und wird gegen alle Erwartungen als Kaiserin von Terren auserwählt. Dahinter steckt Kalkül: Der grausame Prinz misshandelt die junge Frau, die niemandem davon erzählen kann. Und das Leben am Hofe ist riskant: konkurrierende Konkubinen, ein Erbfolgekrieg, eine eifersüchtige Kaiserin. Nur eines kann Yin Wei erlösen: ein magisches Herzseelengedicht. Doch Frauen ist es verboten, lesen und schreiben zu lernen.


Meinung
Zunächst einmal hat der Verlag die Geschichte in ein wunderschön aufgemachtes Hardcover verpackt, das zudem mit fast fünfhundert Seiten einiges oben drauf zu bieten hat. Manchmal war mir die Schrift zu klein, vor allem abends vor dem Schlafengehen, aber immerhin bekommt man für den Preis eine Menge Buch.
Wer sich für die Lektüre dieser überaus spannenden und emotionalen Story begeistern kann, sollte sich vor dem Lesen klarmachen, dass es sich nicht um eine Romance handelt, sondern um einen historisch-chinesischen Fantasyroman. Ein Happy End im klassischen Sinne gibt es also nicht. Und dennoch wird es gerade dieses Ende sein, dass niemand so schnell vergessen wird.
Zunächst beginnt die Geschichte mit Yin Wei, die ihre kleine, neugeborene Schwester zu Grabe tragen muss. Eine Hungersnot legt praktisch das ganze Land lahm, wofür die königliche Familie wenig Verständnis aufbringt, ja, sie scheint nicht einmal davon zu wissen. Vielmehr müssen sich die einzelnen Mitglieder damit auseinandersetzen, dass das Land seine einstigen Gebiete verloren hat und zudem von Feinden von außerhalb bedroht wird. Die Staatskasse ist leer und Ruhm und Ehre sind auch für einen Kaiser nur schwerlich zu erreichen. Wer sich ein wenig in der chinesischen Historie, besonders alles rund um den Verbotenen Palast, ein wenig auskennt, ist klar im Vorteil. Der Kaiser hat neben seiner Kaiserin, die als gesetzliche Ehefrau gilt, auch jede Menge Konkubinen, die ihm Söhne gebären können. Hier gibt es insgesamt fünf, von denen der Jüngste noch ein Baby ist. Alle Prinzen sind mit einer ihnen ganz eigenen Magie ausgestattet, die sich in ihrem neunten Lebensjahr manifestiert. Der dritte Prinz kann Segen sprechen und Pflanzen wachsen lassen, der erste kann Straßen und Brücken bauen. Und Terren, als Zweitgeborener, kann über Waffen und Krieg und Kampf gebieten. Er und sein zwei Jahre älterer Bruder standen sich einst nahe, sind sich nun aber durch das harte Regiment des Palastes spinnefeind. Ein Bruderzwist, der durch Erbfolgeregeln noch verschärft wurde.
Als Yin Wei nun als mögliche Konkubine mit anderen zusammen vorgestellt wird, verübt auch prompt jemand einen Anschlag auf Terren, dem er geschickt kontern kann. Aber es wird sofort deutlich, auf welch gefährliches Terrain sie sich begeben hat. Auch auf sie wird es Anschläge geben. Am gefährlichsten aber ist Terren selbst. Er misshandelt sie von erster Stunde an. Das wird nur anfangs kurz erwähnt, auch was er sich da so ausdenkt. Aber es geht nie ins Detail und wird später nur mit „auch an diesem Abend quälte er mich“ zusammengefasst. Sie beschließt beinahe von Beginn an, ihn zu töten. Denn dann, so rechnet sich die Sechzehnjährige aus, könne sie mit einem Brautgeld zurück zu ihrer Familie gelangen. Aber wie tötet man einen so mächtigen Mann? Sie beschließt das Unmögliche: lesen und schreiben lernen. Durch einen Eunuchen, der sich ihre (zukünftige) Macht sicher will, ist ihr das möglich. Er lehrt sie auch die Fallstricke des Palastes. Nichtsdestotrotz ging das alles oft sehr schnell vonstatten. Die Zeitspanne, in der das junge Mädchen lernt, erscheint kurz, auch wenn sie ihre Tage und damit ihre Zeit komplett für sich verbringen kann. Da sie aber bisher keine Bildung erhalten haben dürfte, erscheinen auch manch andere Taten und Ideen und vor allem das Durchschauen von Finten der anderen ein wenig unglaubhaft. Allerdings würde man einer starken Figur wie ihr durchaus zutrauen, sehr schnell zu lernen. Denn etwas anderes bleibt ihr auch nicht übrig, ja, ihr Leben hängt davon ab.
Um das Herzseelengedicht schreiben zu können, muss sie zudem mehr über Terren erfahren, wie er als Kind gelebt hat, was ihn prägte und wie es zum Bruch der Brüder kam. Das eröffnet sehr schön die Lage im Palast, die strenge Hierarchie, das ewige Lernen, die großen Erwartungen, die an die Prinzen gekoppelt waren und sind. Es sind stets andere, die etwas über Terren zu erzählen wissen, aber eben weil sie so individuell auf ihn blicken, wird seine Figur so äußerst lebendig. Trügt der Schein etwa, hat er doch ein Herz? Trotz allem, was der geneigte Leser so erfährt, habe ich stetig gehofft, dass sie kein „Liebespaar“ werden. Der eher vernachlässigte Umgang mit den Quälereien hat mir nicht gefallen. Er hat sie oft körperlich stark mit Messern und anderem verletzt, sie im Schmerz liegenlassen und dann am Morgen geheilt. Trotzdem wachsen sie irgendwie zusammen. Yin Wei beißt sich durch und widmet sich hart dem Erreichen ihres Zieles. Am Ende kommt es Schlag auf Schlag, es geschehen eine Menge Dinge, die ich für sehr gut gelöst halte. Es ist kaum möglich, das Buch länger zur Seite zu legen. Einmal zugeschlagen, wird es nicht so schnell vergessen sein.
„The Poet Empress: Eine Ballade von Liebe und Tod“ ist kein actionreicher Roman, taucht zwar tief in menschliche Abgründe hinein, beschreibt sie jedoch nicht detailreich. Eine starke weibliche Protagonistin weiß ihren Weg zu gehen und wird immer wieder vor schwere Entscheidungen gestellt. Die Handlung ist sehr auf das Innere ausgerichtet und für Leser, die eher seichtere Stoffe suchen, sind weder sie noch der lebendige Schreibstil geeignet. Wer in emotionale Spannung eintauchen möchte, ist jedoch bestens beraten, einmal ins Buch hineinzusehen.