Zwischen Pfirsichsüße und Todessehnsucht

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Das Buch verspricht allem, was man auf der Klappe zu lesen bekommt – und doch wiederum auch nicht.

Meine Erwartungen an das Buch gingen in eine völlig andere Richtung, geprägt durch ähnliche Büche war die Vorfreude groß und um so resignierter war ich mit jeder weiteren Seite. Trotzdem konnte ich mich irgendwann damit anfreunden, dass Weis Geschichte eine andere Richtung einschlägt, als ich erhofft hatte und ich konnte die Schönheit der Geschichte sehen und mich daran erfreuen.

Vorneweg möchte ich trotz des Hinweises der düsteren Themen, Motive und Szenen, so wie der Triggerwarnung explizit darauf hinweisen, dass man sich bei diesem Buch vorab überlegen sollte, ob diese Themen für einen, bzw. auch einen Jugendlichen wirklich etwas sind. An jüngere Jugendliche würde ich diese Geschichte nicht adressieren.

Damit können wir auch direkt bei meinem ersten Kritikpunkt bleiben. Die Brutalität dieses Buches war für mich doch etwas überraschend. Generell habe ich in der Fiktion kein Problem damit, jedoch hat mir der Umgang damit nicht gefallen. Es werden Grausamkeiten beschrieben, ohne wirklich auf deren Auswirkungen einzugehen. Wei kam mir hier wie eine Puppe vor, die direkt oder indirekt von diesen Taten betroffen war und eher sachlich davon berichtete. Man erfährt nicht, was es mit ihr wirklich macht und man sieht die Auswirkungen von Folter auch nicht genug an ihrem Verhalten. Man könnte fast sagen, es wird verharmlost.
Ich habe überlegt, ob dies von der Autorin so bewusst gewählt wurde, um die Epoche und auch das Leben am kaiserlichen Hof zu repräsentieren, in deren Zeiten nur Stärke zählte. Warum auch immer dieser Weg des Erzählens gewählt wurde, er führt mich direkt zu meinem weiteren Kritikpunkt.

Wem der gute Rat ‚Show, don’t tell‘ etwas sagt, wird hier vergeblich auf die ‚show (Schau)‘ warten. Man kommt Wei nicht nur nicht in den schlimmsten Momenten ihres Lebens nah, ich fand überhaupt keinen Zugang zu ihr oder sonst irgendeiner Figur. Das ganze Buch basiert mehr auf Erzählungen der Vergangenheit als eben dem Erlebten in der Gegenwart. Die Charaktere blieben puppenhaft, nicht plastisch und damit war ein ‚mitfiebern‘ auch nicht möglich.

Meine einleitende enttäuschte Erwartung resultierte primär aus der großflächigen Erzählung der Vergangenheit, und dass der Kampf der dreißig Konkubinen nicht nennenswert stattfand, hat aus Weis Geschichte eine völlig andere gemacht. Ebenso habe ich das aus der Leseprobe resultierende Magiesystem in einem größeren Ausmaß vermisst.

Trotzdem möchte ich die positiven Aspekte hervorheben, die das Buch für mich dennoch lesenswert und bereichernd machen.

Das Setting ist atemberaubend. Shen Tao schafft es einem Weis Welt und Traditionen visuell nahezubringe. Der Schreibstil ist gut und obwohl ich bekannte Spannungsbögen vermisst habe, ließ sich die Geschichte leicht lesen. Das ist auch der Grund, warum ich das Buch nicht abgebrochen, sondern beendet habe. Im Nachhinein bin ich froh, denn: es ist eine nette, vermutlich viel von Legenden und Mythen geprägte Geschichte, die zumindest in ihrer Machart stark daran denken lässt (Laienmeinung…).

Obwohl sich alles anders verhält, als ich erahnen konnte, hat das Buch dennoch einen roten Faden, der nach und nach zum Vorschein kommt. Die Literomantie, die immer wieder in einer Art Gedicht eingestreut wird, hat ihren ganz eigenen Charme und ist, was man letztlich erfährt, auch Träger der Geschichte. Trotz der Kritik die ich habe, ist Weis Geschichte in Allem eine runde und extravagante Sache.

Ich empfehle dieses Buch allen, die mit den düsteren Themen umgehen können und Freude an einer leicht magisch angehauchten, malerisch geschrieben Geschichte am kaiserlichen Palast haben. Und mit einer Protagonistin die die Fesseln der Gesellschaft sprengt und über sich hinauswächst, aber nie das Ziel aus den Augen verliert hat.