Fesselnder Auftakt in ruhigem Tempo
Zur Info: Dies ist der erste Band einer Trilogie.
Schreibstil: Den Schreibstil fand ich super: flüssig und sehr gut beschreibend. Ich hatte die Welt sofort vor Augen. Gleichzeitig ist er aber auch recht ruhig und lässt sich Zeit, die Lücken in unserer Vorstellung zu füllen. Daran musste ich mich erst gewöhnen, aber das funktionierte ganz gut und letztlich fand ich, dass dieses langsame Erzähltempo ganz gut zu der Geschichte passte. Es wird nämlich aus mehreren Perspektiven erzählt und sonst wäre es vielleicht etwas verwirrend gewesen.
Die Geschichte: Geschwistertrio versucht die Ungerechtigkeit zu bekämpfen
Das Setting der Geschichte ist japanisch angehaucht. Die fiktive Stadt Rainshadow City ist voller Orten und Dingen, die diesen Eindruck sofort erwecken. Dazu passen die asiatischen Namen und Beschreibungen der Figuren.Erzählt wird aus hauptsächlich drei Perspektiven. Das ist Toshiko, die jüngste der drei Geschwister, die im Außendienst tätig ist, Theo, ein Junge, der sich den Crows, der Untergangsgang, angeschlossen hat und Haru, dem kindlichen Kronprinzen des Reiches. Im Laufe der Geschichte kommt auch Toshikos Bruder Jun immer mal wieder zu Wort und es gibt auch einmalige Einblicke in andere POVs.
Natürlich ist es erstmal viel, wenn man sich gleich in mehrere POVs einfühlen muss und dann noch nicht direkt markiert ist, wer gerade erzählt. Ich fand aber, dass es durch das langsame Erzähltempo ganz gut möglich war, allen zu folgen. Nicht alle sind allerdings gleich interessant. Gerade bei Theo zum Beispiel passiert lange Zeit nicht so richtig etwas, die anderen beiden dagegen ergänzen sich ziemlich in ihren Beobachtungen. Die Geschichte setzt sich so wortwörtlich aus mehreren Perspektiven auf die gleichen Szenen zusammen.
Die ganze Idee der Geschichte fand ich ausgesprochen interessant. Es geht um wissenschaftliche Innovationen in einem sehr traditionellen Umfeld, dazu eine Klassengesellschaft, in der viel Ungerechtigkeit herrscht. Ich hätte niemals gedacht, dass es hier so innovativ wird, denn tatsächlich sind KI und Roboter ein großes Thema. Ein Mix, der irgendwo auch beängstigend ist und in Verbindung mit der Angst und Not des Viertels Halbmond einen großen Antrieb der Geschichte bildete, der sich von purem Klassenkampf unterschied. Was ich manchmal etwas schade fand, war, dass der Halbmond zwar beschrieben wurde, aber nicht richtig spürbar war. Zumindest für mich. Denn alle Figuren sind nicht mehr Teil des Halbmonds, sondern leben mittlerweile woanders. Sie wissen, wie es dort um die Menschen steht, aber denken dann natürlich eher indirekt an die genauen Umstände. Das machte es für mich schwer, so richtig Emotionen in die Geschehnisse zu stecken. Also fernab derer, die man hat, wenn man liest, dass Unschuldige ungerecht oder schlecht behandelt werden.
Drei Perspektiven: drei mal Wünsche, Ängste und Motive
Die interessanteste Perspektive war für mich tatsächlich Haru, weil er unheimlich sympathisch war. Obwohl er erst 10 Jahre alt ist, ist er unheimlich aufgeweckt und schlau, dazu neugierig und empathisch. Er sieht so viel in den Dingen um sich herum, die anderen Menschen entgehen. Man merkte, dass er ganz anders war als seine Mutter und ich war jedes Mal voller Spannung, wenn ich aus seiner Perspektive las, weil er überhaupt nicht voraussehbar war. Und das nicht, weil er sich unstet verhielt oder er seine Meinung wechselte, sondern weil ich oft gar nicht auf die wirklich schöne Lösung für etwas kam, die er sich überlegte.
Alle Perspektiven haben aber etwas sympathisches und wurden gut beschrieben. Man merkte die Ängste und Wünsche der Figuren, auch ihre Motive und konnte ihr Handeln jederzeit nachvollziehen. Dazu kam dann, dass die Perspektiven sich im Laufe der Geschichte immer mehr ergänzen. Wortfetzen wurden weitergereicht und kombiniert, Beobachtungen ergänzt und irgendwann kam man beim großen Ganzen heraus. Das fand ich klug gemacht und kam auch sehr authentisch rüber, da sich die Antifiguren natürlich darauf konzentrieren, ihre Pläne geheim zu halten.
Weiter entstand viel Spannung dadurch, dass es nicht nur drei Perspektiven hauptsächlich sind, aus denen man liest, sondern auch drei Perspektiven auf die Zukunft von Rainshadow City: die Kaiserin, die Crows und die Geschwister, bzw. der Halbmond. Sie alle haben ihre Motive und arbeiten mal mehr, mal weniger mit- und gegeneinander. So war es manchmal gar nicht so einfach, zu verstehen, wer nun eigentlich der größte Feind ist. Das fand ich einfach schlau gemacht. Ich musste mit überlegen, musste mich selbst fragen, wie hoch die Preise sind, die Figuren hier zahlen und was sie dafür bekommen bzw. erwarten. Denn natürlich war klar: weder die Kaiserin noch die Crows machen etwas aus Herzensgüte.
Das Magiesystem: zwischen Drachen und Sonnengeistern
Zu all dem strategischen Handlungen kam dann noch das Magiesystem und hier fand ich es wirklich schön, dass dies am Anfang des Buches noch überhaupt nicht fest steht. Es ist kein: das und das gibt es und das und das ist möglich. Stattdessen lernen die Figuren nach und nach was möglich ist und auch was für Wesen es gibt. Auch diese Entdeckungen passten immer gut zu dem japanischen Setting und ich fand die letztlich immer deutlichere Grundidee hinter der Magie super gut erdacht. Da ist auf jeden Fall noch viel Potential für die Figuren, sich zu entwickeln und Neues zu erlernen. Plus, dass die Technik auch auf dieser Ebene keineswegs vergessen wurde. Einfach eine interessante Idee, die ich so noch nicht gelesen habe.
Das Lesen dieser Geschichte war also flüssig und spannend, interessant und abwechslungsreich durch die Perspektiven. Mein einziger Kritikpunkt eigentlich an der Geschichte war, dass man ein wenig merkte, wie sehr hier vieles noch arrangiert und dann abgearbeitet wurde. Das kam glaube ich hauptsächlich, weil es so langsam erzählt wurde. Ich habe mich dann immer gefragt, wann das denn wohl wieder zur Sprache käme und irgendwann war es dann auch so weit, aber man hatte nie das Gefühl, die Figuren wären daran interessiert, diese Fragen nun sehr schnell zu klären. Dazu kam, wie oben bereits angedeutet, dass besonders Theo irgendwann etwas auf der Strecke blieb. Seine Beziehung zu Toshiko war mehr als nur flüchtig und sein Handeln im kompletten Kontext wirkte immer mal wieder wie pausiert. Ich denke aber, da wird im nächsten Band noch ganz viel kommen, auch wenn ich schon etwas Angst davor habe, was da kommen wird. Denn das Ende verspricht eine noch größere Gefahr als bisher.
Fazit: Eine fesselnde Geschichte mit einem langsamen Erzähltempo und wechselnden Perspektiven. Ich kam gut rein und war wirklich überwältigt von den Beschreibungen des Settings, dem Mix aus Tradition und Moderne und den klugen Taten der Figuren. Für mich wirkte es manchmal etwas stark aufgebaut und die Spannung schwankte immer etwas. Das Ende verspricht aber noch Großes und ich bin mir sicher, dass hier ganz klassisch ein erster Band vorliegt, der erstmal einführt, statt überfordert.
Von mir gibt es 4 von 5 Sterne.
Vielen Dank an Lovelybooks.de und den Verlag für das Rezensionsexemplar!