Kein klassischer Page-Turner

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nancy0705 Avatar

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Rainshadow City ist eine Stadt der Gegensätze: Hinter den glänzenden Fassaden des Kaiserpalastes bestimmen Armut, Korruption und die kriminelle Organisation der Lucky Crows das Leben vieler Menschen. Mitten in diesem Chaos kämpfen die Wahlgeschwister Toshiko, Jun und Mei ums tägliche Überleben und versuchen gleichzeitig, den Tod ihrer Ziehmutter aufzuklären. Währenddessen wächst Prinz Haru, der Sohn der Kaiserin, in einer Welt voller Privilegien auf, fühlt sich dort jedoch ebenso fremd wie Theo, der unfreiwillig in die Machenschaften der Lucky Crows hineingezogen wird. Als eine geheimnisvolle Drachenperle gestohlen wird, kreuzen sich ihre Wege und aus mehreren zunächst unabhängigen Geschichten entwickelt sich ein Konflikt, der weit über das Schicksal einzelner Figuren hinausgeht.

Naomi Ishiguro erschafft mit "The Rainshadow Orphans" eine Welt, die sich erstaunlich vertraut und gleichzeitig völlig neu anfühlt. Japanische Folklore trifft auf moderne Technologie, Drachen existieren neben Hochhäusern und Hackerinnen, während Geister und Magie selbstverständlich zum Alltag gehören. Diese ungewöhnliche Mischung erinnert stellenweise tatsächlich an die Bildsprache eines Studio-Ghibli-Films, besitzt aber gleichzeitig eine deutlich düstere, gesellschaftskritische Note.

Besonders beeindruckt hat mich die Atmosphäre. Rainshadow City wirkt lebendig, schmutzig und voller Widersprüche. Zwischen engen Gassen, schillernden Neonlichtern, heruntergekommenen Vierteln und majestätischen Palästen entsteht ein Setting, das man beim Lesen regelrecht vor sich sieht. Ishiguro beschreibt ihre Welt mit großer Detailverliebtheit, ohne sie zu überladen. Gerade die vielen kleinen Eigenheiten, die Sonnengeister, die Drachenmythologie oder die Mischung aus Tradition und futuristischen Elementen, verleihen dem Roman einen ganz eigenen Charakter.

Der Schreibstil ist ruhig, bildhaft und elegant. Er nimmt sich Zeit für Beobachtungen und Stimmungen, anstatt von einer Actionszene zur nächsten zu springen. Dadurch wirkt die Geschichte manchmal beinahe märchenhaft, obwohl sie Themen wie soziale Ungleichheit, Ausgrenzung, Migration oder Machtmissbrauch behandelt. Wer actionreiche Fantasy mit ständigem Tempo erwartet, könnte den Einstieg daher als langsam empfinden. Mir gefiel jedoch, dass die Autorin ihren Figuren und ihrer Welt ausreichend Raum gibt, bevor sich die Handlung zunehmend verdichtet.

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Das sorgt dafür, dass man Rainshadow City aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln kennenlernt. Besonders gelungen fand ich die Dynamik der Wahlgeschwister. Ihre Beziehung wirkt glaubwürdig und warmherzig, ohne kitschig zu sein. Man spürt, dass Familie hier nichts mit Blutsverwandtschaft zu tun hat, sondern mit Loyalität und gegenseitigem Vertrauen. Dieses Found-Family-Motiv gehört für mich zu den größten Stärken des Romans.

Auch Haru und Theo bringen interessante Facetten in die Handlung. Haru verkörpert den Zwiespalt zwischen Pflicht und Mitgefühl, während Theo eindrucksvoll zeigt, wie schwer es ist, den eigenen Umständen zu entkommen. Zwar hätte ich mir bei einigen Figuren noch etwas mehr emotionale Tiefe gewünscht, dennoch entwickeln sie sich im Verlauf der Geschichte weiter und machen neugierig auf die Fortsetzung.

Ein kleiner Kritikpunkt betrifft das Erzähltempo. Auf rund 600 Seiten nimmt sich Ishiguro sehr viel Zeit für den Aufbau ihrer Welt und ihrer Figuren. Dadurch entstehen zwischendurch Passagen, in denen die Handlung etwas auf der Stelle tritt. Einige Perspektivwechsel unterbrechen zudem den Spannungsfluss genau dann, wenn eine Handlungsebene besonders interessant wird. Gleichzeitig zahlt sich diese Geduld gegen Ende aus, wenn die verschiedenen Erzählstränge zunehmend ineinandergreifen und die Ereignisse deutlich an Dynamik gewinnen.

Besonders gelungen fand ich die thematische Ebene. Hinter der fantastischen Geschichte verbirgt sich eine Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit, Identität, Zugehörigkeit und Hoffnung. Trotz aller Dunkelheit verliert der Roman nie seinen optimistischen Kern. Gerade die jungen Figuren verkörpern den Gedanken, dass Mitgefühl und Zusammenhalt selbst in einer ungerechten Welt Veränderungen bewirken können.

Fazit

"The Rainshadow Orphans" ist kein klassischer Pageturner, sondern ein atmosphärischer Fantasyroman, der seine Stärken vor allem im außergewöhnlichen Worldbuilding, der dichten Stimmung und seinen zwischenmenschlichen Beziehungen ausspielt. Wer bereit ist, sich auf ein eher ruhiges Erzähltempo einzulassen, wird mit einer faszinierenden Welt belohnt, die Fantasy, japanische Mythologie und moderne Elemente auf ungewöhnliche Weise verbindet. Zwar hätte die Handlung stellenweise etwas straffer sein dürfen und nicht jede Figur erhält die gleiche emotionale Tiefe, insgesamt ist Naomi Ishiguro jedoch ein vielversprechender Auftakt gelungen, der Lust auf die Fortsetzung macht.