Zwischen Drachenperlen und Dystopie

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
coni90 Avatar

Von

„The Rainshadow Orphans“ von Naomi Ishiguro ist der erste Band einer Fantasy-Trilogie und hat mich mit seinem geschickten Worldbuilding, seinen vielschichtigen Figuren und seiner spannenden Handlung schnell in den Bann gezogen.

Die Geschichte wird aus zahlreichen Perspektiven in der dritten Person erzählt. Obwohl es eine große Anzahl an Figuren gibt, fiel es mir überraschend leicht, den Überblick zu behalten. Die Charaktere sind klar voneinander abgegrenzt und besitzen jeweils eine eigene Stimme und Motivation, sodass ich mich schnell in die verschiedenen Handlungsstränge einfinden konnte.
Im Mittelpunkt steht unter anderem die 17-jährige Toshiko, die als Flüchtling mit ihren Wahlgeschwistern in Rainshadow City lebt. Um zu überleben, halten sie sich mit Diebstählen über Wasser. Als Toshiko bei einem ihrer Coups die Drachenperle eines hochrangigen Mitglieds des mächtigen Gangsterclans der Stadt stiehlt, geraten sie und ihre Geschwister ins Visier gefährlicher Verfolger. Gleichzeitig stoßen sie auf ein Geheimnis, das nicht nur sie, sondern den gesamten Halbmond, in dem die Flüchtlinge von Rainshadow City leben, bedroht.

Ein weiterer Erzählstrang begleitet den zehnjährigen Haru, den Sohn der Kaiserin. Obwohl er noch jung ist, wirkt er bemerkenswert klug und reif. Durch ihn erfährt man auf spielerische Weise viel über die Magie und die Besonderheiten dieser Welt. Als Haru entdeckt, dass er Sonnenwesen sehen kann, beginnt er zugleich zu erkennen, wie grausam die Herrschaft seiner Mutter tatsächlich ist.

Besonders gelungen fand ich die Mischung aus asiatisch inspirierter Fantasy und dystopischen Elementen. Themen wie Technisierung, Armut, Vertreibung, Migration und Found Family werden auf interessante Weise in die Handlung eingebunden. Gleichzeitig bevölkern Drachen, Sonnenwesen und andere fantastische Elemente diese Welt und sorgen für eine spannende Atmosphäre.

Das Worldbuilding ist insgesamt sehr stark. Vor allem der Palast und die Strukturen der herrschenden Technokratie werden lebendig und detailliert dargestellt. Auch die fantastischen Wesen konnte ich mir sehr gut vorstellen. Lediglich der Halbmond hätte für meinen Geschmack etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. Da Armut, Perspektivlosigkeit und Vertreibung eine wichtige Rolle spielen, hätte ich mir hier noch ausführlichere Beschreibungen gewünscht, um die Lebensrealität der Menschen dort noch greifbarer zu machen.

Der Aufbau des Romans hat mir überwiegend gefallen. Die Kapitel und Unterkapitel sind oft sehr kurz und wechseln zügig zwischen den verschiedenen Handlungssträngen. Manchmal empfand ich das als etwas anstrengend, weil ich gerade in einer Szene angekommen war und schon wieder zu einer anderen Figur wechseln musste. Gleichzeitig sorgen die häufigen Perspektivwechsel für zahlreiche Cliffhanger, die die Spannung konstant hochhalten. In dieser Hinsicht erinnerte mich der Roman stellenweise an die Artemis-Fowl-Reihe von Eoin Colfer, die ebenfalls mit vielen parallel verlaufenden Handlungssträngen arbeitet.

Die Geschichte entwickelt sich insgesamt eher langsam, nimmt sich Zeit für Figuren und Weltaufbau und entfaltet ihre größeren Zusammenhänge nach und nach. Gegen Ende steigert sich das Tempo jedoch deutlich und mündet in eine große, packende Schlacht, die durch die ständigen Perspektivwechsel zusätzlich an Dynamik gewinnt. Während im Verlauf der Handlung viel für mich vorhersehbares eintraf, konnten mich doch einige Wendungen der Schlacht überraschen.

Insgesamt ist „The Rainshadow Orphans“ ein gelungener Auftakt mit interessanten Figuren, einer faszinierenden Welt und vielen spannenden Ideen. Trotz kleinerer Kritikpunkte beim Worldbuilding des Halbmonds und der teilweise sehr häufigen Perspektivwechsel hat mich die Geschichte überzeugt. Ich bin gespannt, wie sich die Handlung in den Folgebänden weiterentwickelt, und werde die Reihe auf jeden Fall weiterlesen.