Luxus als Falle – Die etwas enttäuschende Rückkehr von Lo Blacklock

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MEINE MEINUNG
Der neue Spannungsroman „The Woman in Suite 11“ von Bestseller-Autorin Ruth Ware setzt nach dem Erfolg „The Woman in Cabin 10“ die Geschichte ihrer Protagonistin Lo Blacklock fort. Zehn Jahre nach den Ereignissen auf dem Kreuzfahrtschiff Aurora schickt sie Lo wieder in einen Luxus-Albtraum, diesmal in ein neu eröffnetes Luxushotel in den idyllischen Schweizer Alpen.
Ruth Ware liefert erneut einen clever konstruierten, gut lesbaren und fesselnden Thriller, der mit seinem rasanten Tempo und atmosphärisch dichter Kulisse überzeugt, dabei aber leider auch viele Schwächen des Vorgängers wiederholt.
Alles beginnt mit der Einladung zu einem Pressetrip in ein Luxushotel am Genfer See. Dies möchte Lo als Chance nutzen, ihre ins Stocken geratene Karriere als Reisejournalistin mit einem exklusiven Interview mit dem milliardenschweren, medienscheuen Eigentümer Marcus Leidmann wieder anzuschieben. Ein unerwartetes Reiseupgrade, die Atmosphäre am abgeschiedenen Hotelstandort und die überraschende Begegnung mit mehreren alten Bekannten von der Aurora beruhigen ihre ohnehin angespannte Nervosität jedoch keineswegs.
In Leidmanns Suite trifft Lo schließlich nicht auf den Gastgeber selbst, sondern auf eine junge Frau, die sich als dessen Geliebte ausgibt, behauptet, von ihrem mächtigen Liebhaber bedroht zu werden, und Lo um Hilfe bittet. Rasch überschlagen sich die Ereignisse und die hilfsbereite Lo gerät erneut in ein gefährliches, undurchsichtiges Katz-und-Maus-Spiel.
Ware setzt in ihrem Thriller auf bewährte, effektvolle Spannungselemente. Kurze, actionreiche Kapitel und geschickt gesetzte Cliffhanger sorgen für viel Spannung, so dass man gebannt weiterliest. Doch die fesselnde, temporeiche Dramaturgie der Handlung geht teilweise leider zu Lasten der Logik.
Ware hat ihre Figuren prägnant angelegt, widmet sich aber weniger einer nuancierten Charakterentwicklung. So ist die Figurenzeichnung bewusst stärker auf Spannung ausgerichtet und nicht immer psychologisch tiefgründig. Anstelle einer gereiften Lo, die als Ehefrau und Mutter zweier Söhne im Leben angekommen ist und die traumatischen Ereignisse auf der Aurora vor zehn Jahren verarbeitet haben müsste, begegnet uns eine Figur, die sich kaum weiterentwickelt zu haben scheint. Impulsiv, risikofreudig und erstaunlich blind für offensichtliche Warnzeichen, wirkt sie als überdrehte, bisweilen unglaubwürdig naive Ich-Erzählerin, die sich immer wieder unbedacht in neue Gefahren stürzt. Ihr Verhalten hat mich mehrfach ungläubig zurückgelassen und überzeugt psychologisch nur eingeschränkt. Die Hoffnung einer psychologisch vielschichtigen, verantwortungsvollen und charakterlich gereiften Lo zu begegnen, wurde leider nachhaltig enttäuscht.
In deutlichem Kontrast dazu steht die hervorragende Gestaltung des Settings. Das Hotel als verlockende, aber klaustrophobische Location, als Traumort ambivalenter Sicherheit und unterschwelliger Bedrohung ist atmosphärisch sehr dicht eingefangen. Gekonnt lässt sie die Grenzen zwischen willkommenem Gast und unfreiwilligem Gefangenen in einem luxuriösen Käfig, aufgesetzte Höflichkeiten, Privatsphäre und permanentem Beobachtungsblick nach und nach verwischen. Die Verbindung von Naturschönheit, faszinierender Hochglanz Architektur und einer stetig zunehmenden, beklemmenden Bedrohung ist Ware sehr gut gelungen. Geschickt streift Ware in ihrem Roman thematisch die Schattenseiten von Medienmacht und PR-Inszenierungen, greift aber insbesondere #MeToo, struktureller Sexismus, Machtmissbrauch und weibliche Glaubwürdigkeit auf sowie Trauma, Angst und psychische Verletzlichkeit, ohne diese Themen allerdings wirklich tiefgründig zu behandeln.
Nach einer Reihe von Zufällen und teils konstruiert wirkenden Verwicklungen findet der spannende Plot in einer hochdramatischen, schlüssigen Auflösung seinen Abschluss, die sowohl psychologisch als auch moralisch zu überzeugen weiß.

FAZIT
Ein typischer Ruth Ware Thriller – spannend, aber durch die Wiederholung bekannter Muster wenig originell. Trotz der leicht enttäuschenden Figurenzeichnung kann er mit flottem Tempo, dichter Atmosphäre und raffiniertem Setting überzeugen und bietet solide Unterhaltung.