Solides Graubrot

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Die Erwartungen an dieses Buch sind hoch. Denn der Titel verspricht nicht nur eine Fortsetzung von The Woman in Cabin 10, sondern auch ein Wiedersehen mit der Heldin Lo Blacklock, die ihre Traumata von damals vielleicht nicht ganz überwunden, aber doch ganz gut im Griff hat. Sie ist inzwischen mit ihrer großen Liebe Jonah verheiratet und Mutter von zwei kleinen Jungs. Als die Einladung in ein Schweizer Luxushotel sie ereilt, sieht sie das als die Gelegenheit, wieder in ihren Beruf als Reisejournalistin einzusteigen. Besonders ein Interview mit dem Hotelbesitzer Marcus Leidmann wäre ihre große Chance, doch ob das klappt, ist fraglich, denn der Millionär ist als zurückgezogener Exzentriker bekannt.

So weit, so verheißungsvoll. Dass ihr ganz normal gebuchter Flug aus den USA plötzlich ein Upgrade für die First Class bekommt und sie bald darauf im Hotel auf alte Bekannte aus Cabin-10-Zeiten trifft, erhöht die Spannung nur noch. Von wem wurde dieses Upgrade spendiert, und was für ein seltsamer Zufall hat die Leute von damals jetzt wieder mit ihr zusammengeführt?

Wer auf Schilderungen luxuriöser Szenarios steht, ist bis hier schon mal auf seine Kosten gekommen - doch ab jetzt wird es unbehaglich. Das gehört sich auch so für einen anständigen Thriller, und man folgt Lo zunächst nicht ungern durch die Abfolge schwieriger Entscheidungen, die sie zu treffen hat, um sich und ihre Begleitung durch eine bedrohliche Situation nach der anderen zu retten. Doch was als Thrill beginnt, verwandelt sich allmählich in einen Krimi - und das ist genau der Punkt, den ich hier schade finde.

Ruth Ware hatte immer einen besonderen Ton, eine besondere Note, eine spezifische Art, Psychoterror in Szene zu setzen. Die Polizei, sonst bei Ware höchstens in einer marginalen Rolle zu sehen, mischt diesmal ziemlich bald mit und sorgt für erheblich mehr Krimi-Feeling, als es sonst bei der Autorin der Fall war. Lo wird zum Opfer von Machenschaften, die eigentlich relativ absehbar sind, und trägt kräftig dazu bei, sich selbst die ungenießbare Suppe einzubrocken - was einen beim Lesen zunehmend ärgern kann.

Dass Ruth Ware sich ausgerechnet auf die Fortsetzung ihres vermutlich bekanntesten Romans verlegt hat, ist angesichts der Entwicklung in Suite 11 besonders bedauerlich, eben weil man mit seinen Erwartungen hier etwas auf Granit beißt. Oder sollte ich sagen: auf solides Graubrot?

Die Buchprüferin hofft jedenfalls darauf, dass sich die Autorin wieder auf ihre früheren Stärken besinnt. Bis dahin empfiehlt sie das Buch allen, die gerne Krimis mit etwas Thrill lesen; wer es lieber eindeutig psychomäßig mag, kann es lesen, muss aber nicht.