Die Gabe des Beobachtens

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biancaneve_66 Avatar

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Der sechsundachtzige Theo taucht an einem Frühlingsmorgen in der fiktiven Kleinstadt Golden in den Südstaaten der USA auf. Im örtlichen Café entdeckt er zweiundneunzig Bleistiftporträts der Menschen von Golden von einem lokalen Künstler. Theo kauft die Porträts nach und nach und gibt sie den Dargestellten zurück. Mit jedem Austausch wird eine Geschichte erzählt, eine Freundschaft gestiftet und ein Leben verändert.
Ein schlichtes Cover mit einer einzelnen Feder. Diese ist allerdings bis ins kleinste Detail gezeichnet. Sie spielt einerseits gegen Ende des Buchs noch eine bestimmte Rolle, beschreibt andererseits aber auch Theos Sinn für Kleinigkeiten. Den kompletten Namen des Protagonisten erfährt man erst am Ende des Buchs, aber der Vorname scheint ohnehin für alle zu genügen – und er scheint Programm, denn manchmal ist man sich gar nicht so sicher, ob es sich bei Theo wirklich um einen Menschen handelt. Zu übernatürlich scheinen seine Freundlichkeit und Großzügigkeit.
Die Kapitel sind kurz, der Schreibstil leicht; irgendwie sogar sehr einfach. Theo wird an einer Stelle als sprachlicher Entfesselungskünstler bezeichnet, schließlich entlockt er den anderen ihre Hintergründe ohne zu viel von sich selbst preiszugeben. Aber in sprachlicher Hinsicht habe ich diese Kunst beim Autor doch vermisst.
Die Handlung selbst beginnt im Frühjahr und beschreibt Theos Geschichte im Lauf des folgenden Jahrs. Ungefähr bis zur Hälfte hat mich dieses Buch richtiggehend bezaubert und berührt. Das liegt wohl auch an der Botschaft, die der Autor uns hier vermittelt: seid freundlich und immer aufmerksam zueinander, helft einander und tut Gutes. Im Grunde handelt es sich also um ein sehr positives Buch. Allerdings ist die Geschichte doch sehr schwarz-weiß gezeichnet, die Handelnden durchwegs stereotyp und ohne Tiefe, ganz egal, wie sehr sich Theo mit deren Geschichte befasst.
Zusätzlich kommt es ab der Mitte des Buchs zu etlichen Wiederholungen, die die Handlung nicht vorantreiben. Vielleicht hätte der Geschichte etwas Straffung ganz gut getan. Dennoch, die positive Botschaft der Geschichte bleibt – und sie bleibt lange in Erinnerung. Es ist sicher kein Buch, dass man eben so nebenbei lesen sollte. Man sollte sich Zeit dafür nehmen – Zeit, die wir uns nach Theos Vorbild auch für andere nehmen sollten. Die Handlung erstreckt sich über den Lauf eines Jahres. Das Lesen der Geschichte passt ebenso in jeden Abschnitt des Jahres; ob nun im Sommer im Liegestuhl, gemütlich am Sofa während der Weihnachtsfeiertage oder ganz einfach auf einer Bank an einem Fluss, mit Blick nach Westen.