Eher US-Trend?

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Theo, ein älterer Herr Ü80, zieht nach Golden, eine bezaubernde Südstaatenstadt mit Promenade. Er geht in ein Café und entdeckt die Portraitzeichnungen eines ortsansässigen Künstlers; gemalt hat er unzählige Einwohner der Stadt. Theo will diese Portraits kaufen und an die gezeigten Einwohner verschenken. So lernt er über die Zeit nicht nur Menschen, sondern auch ihre Lebensgeschichten kennen und sorgt dafür, dass Golden näher zusammenrückt. Hört sich doch nach einem bezaubernden Märchen an, oder?

Ich hätte den Roman in der Hälfte fast abgebrochen. Ich kann verstehen, dass Menschen positive Geschichten hören möchten, aber diese ist auf 450 Seiten mit unendlichen Wiederholungen gespickt (u. a. Biografien, die sich wie Wikipedia-Einträge lesen; Gedanken von Theo, wie sehr er es mag auf einer Bank zu sitzen oder Überlegungen darüber, auf welche Art und Weise ein Brief verfasst werden soll).
Während der gottähnliche Theo den Bürgern übergriffig alle Traumata aus der Nase zieht, Ihnen vermittelt, dass sie alle Heilige sind und mit Ihnen spricht als wären sie Kleinkinder, widmet er sich als betuchter Mann elitären Hobbies wie klassischer Musik, Kunst, langen Spaziergängen, Literatur und Charity. Der Roman wirkt auf mich unfassbar konservativ (Frauenbilder, Verurteilung von Medien) und religiös-verkitscht. Nur durch die Ankunft von Theo beginnen die sozialphobischen Bürger miteinander zu reden, obwohl sie 20 Jahre beieinander wohnen. Die Hauptfigur wird zu einem Engel der Stadt verklärt; ihm zu Ehren werden Musikstücke und Kinder benannt. Sorry, aber da war ich raus.
In den USA war Theo in Golden ein Riesenerfolg, gerüchtehalber soll der Roman mit Tom Hanks in der Hauptrolle verfilmt werden. Ich kann nur mutmaßen, dass das Buch einen amerikanischen Nerv getroffen hat und dass in der aktuellen politischen und sozialen Lage Güte, Zusammengehörigkeit und Hoffnung dringend herbeigesehnt werden. Mir war das persönlich zuviel des Guten.