Liebenswürdige Hauptfigur und zu viel Schicksalsgläubigkeit

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Der Mann, der nach Golden in Georgia kommt, ist 86 Jahre alt, spricht fünf Sprachen und möchte nur Theo genannt werden. Theo stammt aus Portugal, hat in verschiedenen Ländern in Großstädten an Flüssen gelebt und nimmt in Golden ein ungewöhnliches Projekt in Angriff. Er will die 92 Porträts, die im Café „Charlice“ von Bürgern des Ortes ausgestellt sind, nach und nach kaufen und den abgebildeten Personen als Geschenk überreichen. Die Idee wirkt spontan charmant, weil Theo und die Abgebildeten sich im Gespräch kennenlernen und mancher sich erst durch dieses Gespräch gesehen fühlen wird. Man könnte seine geplante Rolle als die eines Therapeuten oder Priesters einordnen.

Wie Theo bei James Ponder eine Wohnung mietet und sich zurückhaltend mit dem betagten Makler anfreundet und wie liebenswürdig er den Modellen gegenübertritt, zeigt ihn als weltgewandten und diplomatischen Menschen. Während Allen Levis Leser sich noch fragen, wer Theo eigentlich ist und was er mit seiner Aktion bezweckt, zeigt der alte Herr sich als geschickter Menschenfischer und Knüpfer eines Netzes zwischen den Einwohnern von Golden. Zunächst baut er selbst Beziehungen zu Stützen der Gesellschaft auf wie Ponder, Cafébesitzer Shep und Buchhändler Tony, er zeigt jedoch auch Interesse an der Industrie- und Wirtschaftsgeschichte der Stadt und dem gesellschaftlichen Wandel, der aktuell Künstler und Alternative in die Stadt lockt. Theos Thema ist sichtlich die Förderung von musikalischen Talenten und bildenden Künstlern, aber auch die Unterstützung jener, die sich keine Krankenhausbehandlung und keinen Anwalt leisten können. Wir blicken in eine Kultur, in der außerhalb der Oberschicht Krankheit und juristische Auseinandersetzungen Armutsrisiken bilden – und in der die Macht, über die wohlhabende Spender/Mäzene wie Theo verfügen, durchaus kritisch gesehen wird. Insgesamt haben mir Allen Levis religiös unterlegte Position zur Klassengesellschaft und die Problemlösung durch Mäzenatentum nicht genügt.

Fazit
Das Rätseln, was Theo ausmacht, welche Motive ihn antreiben und wie die porträtierten Personen miteinander verknüpft sind, hat für mich den Reiz des Buches ausgemacht. Theos formvollendeter Ton eines Geschäftsmannes alter Schule hat mich locker durch die über 400 Roman-Seiten getrieben. Formal ist „Theo in Golden“ ein episodenhafter Roman mit über 60 Kapiteln, die jedoch teils nur 1 oder 1½ Seiten lang sind. Der leere Raum zwischen den Kapiteln lässt die Geschichte aufgebläht wirken. Bei Theos Treffen mit den Beschenkten geht es u. a. um bisher unentdeckte Talente, in der Klassengesellschaft ausgegrenzte Menschen, tragische Ereignisse, die eben kein Schicksal sind, sondern politisch gewollt, und den Spiegel, den Theo seinem Publikum vorhalten kann, weil er kein US-Amerikaner ist und in anderen Kulturen gelebt hat. Da Weihnachten in den Jahreslauf der Ereignisse fällt, könnte man den Roman als Weihnachtslektüre einplanen.

3 1/2 Sterne