Tu Gutes und sprich nicht darüber

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
lorireads Avatar

Von

Nachdem mir die englische Version von 'Theo in Golden' bereits mehrfach auf Social Media begegnet ist und in den höchsten Tönen angepriesen wurde, war ich sehr neugierig auf dieses Buch, auf Theo, aber auch auf die ganzen Menschen, denen er in Golden begegnet.
Schon auf den ersten Seiten hat mich der ganz besondere Schreibstil des Autors gefangen genommen. Normalerweise tendiere ich dazu, schnell zu lesen und auch mal einzelne Wörter und Halbsätze zu überspringen, aber hier habe ich jedes Wort aufgenommen und mich auf die Erzählweise eingelassen. Man merkt schnell, dass Theo ein ganz besonderer Mensch ist, auch wenn er bis zuletzt nur wenig und auch das meist nur bruchstückhaft von sich preisgibt. Im Zentrum stehen vielmehr seine Begegnungen mit den Menschen in Golden und seine Art, deren Geschichten durch geschicktes und aufmerksames Fragen aus Ihnen herauszuholen. Die Porträts der Einwohner:innen, die in einem Café in Golden ausgestellt sind und die Theo nach und nach kauft, um sie ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben und dadurch mit ihnen ins Gespräch zu kommen haben der Geschichte einen tollen Rahmen gegeben. Trotz der vielen neuen Personen, die nach und nach eingeführt wurden gelang es dem Autor immer, ein genaues Bild jedes einzelnen zu zeichnen, sodass man sich, auch wenn einige Kapitel dazwischen lagen, immer wieder an die Personen erinnern konnte, sobald sie wieder auf die Bildfläche traten.
Schleichend bemerkt man beim Lesen die Veränderungen, die durch Theos Auftauchen bei den Einwohnern von Golden losgetreten werden und die sich auch in deren eigenem Handeln widerspiegeln. Ohne dafür große Anerkennung zu wollen oder seine Taten ins Licht zu rücken, schenkt Theo den Menschen so viel mehr als nur ihre Porträts und hat auch mich immer wieder nachdenklich gestimmt.
Ich mochte die durchweg positive Stimmung im Buch sehr gerne, die die Eigenarten eines jeden Charakters oft ganz neutral hervorhebt, aber nie Kritik enthält. Auf nur wenigen Seiten gelang es dem Autor, auch anfangs sehr seltsam oder auch unsympathisch anmutende Personen begreifbar zu machen, in dem er ihre persönliche Geschichte offen legte und den ganzen Menschen dadurch viel nahbarer werden lies.
Durch die Geheimnisse, die Theo umgaben und die Klarstellung bereits zu Beginn, dass seine Zeit in Golden auf ein Jahr begrenzt ist, war ich während des Lesens stets neugierig, was hier verborgen bleibt. Dennoch hatte das Buch für mich keinen richtigen Spannungsbogen und zog sich dadurch an einigen Stellen. Besonders gegen Ende wurde mir die Geschichte auch ein wenig zu kitschig und plakativ. Ein weiterer Punkt, der mir ab und an negativ aufgefallen ist, ist das christlich-traditionelle Weltbild Theos, mit dem ich persönlich nichts anfangen kann. Auch das dadurch entstehende Frauenbild und die an einer Stelle sexistischen Beschreibungen einer jungen Frau fand ich eher unangebracht.
Alles in allem schafft das Buch eine besondere und zum Nachdenken anregende Atmosphäre, aber gleitet manchmal auch etwas träge dahin und konnte mich nicht vollständig überzeugen.