Klare Leseempfehlung

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
tobbeeyy Avatar

Von

Tinte und Schwert von Matthias Söder beginnt mit einem sehr packenden Einstieg.
Die Schlachtszene direkt zu Beginn ist eindrucksvoll geschildert und zieht einen sofort in die Handlung hinein. Die emotionalen Beschreibungen des Protagonisten sind gelungen, sodass man sich gut in das Chaos der Schlacht hineinversetzen kann.

Danach folgt – klassisch für Genre und Romanreihe – ein kapitelweiser Protagonistenwechsel. Beim ersten Protagonisten Jacob stellte sich mir jedoch die ganze Zeit die Frage, wie alt er eigentlich ist. Diese Information fehlt leider in der Beschreibung. Er scheint kein Kind mehr zu sein, wirkt aber auch noch nicht eindeutig erwachsen, sondern eher jugendlich. Da dies nicht klar benannt wird, muss man es sich aus der Hintergrundgeschichte selbst erschließen. Für Leserinnen und Leser ohne historisches Vorwissen könnte das problematisch sein, da sie sein Alter vermutlich nach heutigen Maßstäben einschätzen und nicht nach den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen.

Im dritten Kapitel empfand ich die sinngemäße Aussage, dass „das einfache Volk glaubt, Wasser öffne die Poren der Haut und lasse Krankheiten eindringen“, als etwas befremdlich. Diese Vorstellung entspricht zwar einem heute verbreiteten Bild vom Spätmittelalter und der frühen Neuzeit, ist jedoch historisch nicht ganz stimmig. Zahlreiche Quellen zeigen, dass zumindest in der medizinischen Theorie und Praxis bereits bekannt war, dass Reinigung – etwa das Waschen der Hände vor Behandlungen – die Überlebensrate verbessern konnte. Auch im Spätmittelalter existierte eine ausgeprägte Badekultur, ähnlich wie bereits in der Antike. Zwar kannte man keine Bakterien, doch viele Beobachtungen wurden empirisch gemacht.

In der Praxis sah dies sicher nicht immer ideal aus, dennoch war das grundlegende Wissen in Teilen vorhanden. Erst im Zusammenhang mit den Krankheitsausbrüchen während und nach dem Dreißigjährigen Krieg sowie mit gesellschaftlichen und moralischen Veränderungen ging die Badekultur zunehmend zurück. Die im Roman dargestellte Haltung wirkte für mich daher etwas zu früh angesetzt. Es handelt sich zwar nur um eine Kleinigkeit, sie hat mich jedoch kurz aus der Immersion gerissen, da sie historisch nicht ganz rund erscheint. Aber klar, das ist ein Streitthema – nicht einmal Historiker sind sich da einig, und natürlich muss man auch immer abwägen, wann und wo man sich befindet.

Ich habe mir selbstverständlich online auch das Reenactment-Regiment angesehen, und soweit ich das erkennen kann, sind sie wirklich sehr gut in Ausrüstung und Darstellung. Der Autor hat hier also bereits gute Expertise. Da ich selbst im Reenactment (Hochmittelalter) aktiv bin und mich seit Jahrzehnten mit sämtlichen historischen Epochen im deutschsprachigen Raum beschäftige und selbst Reenactment betreibe, meine ich, das gut bewerten zu können. Ich werde sie mir im Juli auf der Veste Coburg auch einmal persönlich anschauen.

Später erfahren wir dann, dass Jacob aus Kapitel zwei siebzehn Jahre alt ist. Die Musterungen der Böhmen finden im oberpfälzischen Waidhaus statt – hier wurde korrekt recherchiert. Da ich selbst Oberpfälzer bin und für uns daher bestens bekannt ist, dass die Oberpfalz einen Hauptteil der Schäden aus dem Dreißigjährigen Krieg erfahren hat, ist es schön zu sehen, dass dies auch im Buch Berücksichtigung findet. Mein Heimatort Weiden i. d. Opf. wird im Buch sogar ebenfalls erwähnt.

Die Hexenprozesse vor und während des Dreißigjährigen Krieges sind auf dem Höhepunkt, daher ist es klar und gut, dass dieses Thema vorkommt. Weniger gut fand ich hingegen das Schema-F-Beispiel mit den „weisen Frauen und Heilerinnen als Opfer der bösen, frauenhassenden, männlich dominierten Kirche“, da mir das etwas abgedroschen erscheint. Hier würde ich gerne einmal etwas anderes lesen. Dieses Beispiel wird sehr oft zitiert, in den Quellen findet man es jedoch gar nicht so häufig – betroffen waren vielmehr ganz unterschiedliche Außenseitergruppen. Dass jede Stadt ihre Heilerinnen und Heiler hingerichtet habe, ist ein Geschichtsbild des 20. Jahrhunderts, das die Quellen so nicht hergeben. Der Bezug zu Bamberg und den Hexenprozessen ist hingegen historisch korrekt. Die Hochphase dort lag etwa in der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges.

Der Rest der Handlung macht nichts weltbewegend Neues, zumal der Buchrücken hier bereits einiges vorwegnimmt. Dennoch ist die Geschichte sehr spannend und fesselnd erzählt. Es folgt im Kern, zumindest im ersten Band, dem klassischen "Rache-Erzählbogen". Ich frage mich wie Jacob seine Taten im weiteren Verlauf bewerten wird. Mir hat das Buch alles in allem sehr gut gefallen.

Ich hoffe nun sehr, dass in den beiden geplanten Fortsetzungen Verzweiflung und Vergeltung die Spannung ähnlich hoch bleibt und dass der Autor nicht den Fehler anderer Autoren wiederholt und Jahre verstreichen lässt, bis der zweite und dritte Teil erscheinen.

Klare Leseempfehlung von mir: Auch wenn das Rad nicht neu erfunden wird und man Kleinigkeiten historisch vielleicht anders bewerten könnte (was aber ganz normal ist), habe ich mich unglaublich gut unterhalten gefühlt und habe großes Vertrauen in den Autor, dass er eine packende Geschichte vollenden wird.

Wer Informationen hat, wann es weitergeht, lasst es mich gerne wissen.

Viel Spaß beim Lesen.