leider zu viel gewollt

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
madame_f Avatar

Von

Ich bin mit großen Erwartungen an „To Catch a Wild Bird“ herangegangen, weil die Grundidee wirklich vielversprechend klingt: Eine Kopfgeldjägerin, die ihren jüngeren Bruder aus einem Hochsicherheitsgefängnis befreien muss, in dem Gefangene von wohlhabenden Menschen als eine Art makabres Jagdspiel verfolgt werden. Allein dieses Setting rund um Endlock bietet enormes Potenzial für Spannung, moralische Konflikte und echte Überlebensdramatik.
Gerade die düstere Atmosphäre und die permanente Bedrohungslage haben mir zu Beginn gut gefallen. Man spürt, dass hier viel auf dem Spiel steht, und der Gedanke, dass Menschenleben als Unterhaltung dienen, sorgt für eine beklemmende Grundstimmung. Auch Ravens Motivation, alles für ihren Bruder zu riskieren, ist nachvollziehbar und hätte eine starke emotionale Basis sein können.
Leider konnte mich die Umsetzung nicht vollständig überzeugen. Besonders die Ausgestaltung der Hauptfigur Raven empfand ich als widersprüchlich. Einerseits wird sie als erfahrene, abgeklärte Kopfgeldjägerin dargestellt, andererseits verhält sie sich in entscheidenden Momenten überraschend naiv. Diese Unentschlossenheit in ihrer Charakterzeichnung hat es mir schwer gemacht, eine konstante Bindung zu ihr aufzubauen.
Auch die Liebesgeschichte mit Vale konnte mich nicht überzeugen. Die Chemie zwischen den beiden wirkte auf mich konstruiert, und viele Dialoge sowie die intimeren Szenen fühlten sich eher bemüht als organisch an. Vor allem hatte ich den Eindruck, dass der Romance-Anteil kaum Einfluss auf die eigentliche Handlung nimmt. Ob mit oder ohne diese Beziehung hätte sich am Verlauf der Geschichte wenig geändert. Hier wäre weniger aus meiner Sicht mehr gewesen, zugunsten einer stärkeren Fokussierung auf das Survival-Setting und die moralischen Aspekte des Gefängnissystems.
Der Plot selbst bleibt trotz der Schwächen grundsätzlich spannend genug, um das Buch zu Ende zu lesen. Die Idee hinter Endlock und das dystopische Element tragen die Geschichte über längere Strecken. Dennoch hatte ich immer wieder das Gefühl, dass das vorhandene Potenzial nicht ausgeschöpft wird.
Insgesamt vergebe ich 2,5 von 5 Sternen. „To Cage a Wild Bird“ punktet mit einer starken Ausgangsidee und einem düsteren Setting, verliert jedoch durch inkonsequente Figurenzeichnung und eine für mich nicht überzeugende Liebesgeschichte an Kraft. Wer eine Romantasy mit deutlichem Fokus auf Beziehung und Spice sucht, könnte hier eher auf seine Kosten kommen. Wer sich jedoch primär eine stringente, atmosphärisch dichte Survival-Story erhofft, wird möglicherweise ähnliche Abstriche machen müssen wie ich.