Romance-Dystopie, die nicht überzeugen kann

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la tina Avatar

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Manchmal reicht es nicht, sich ein paar Ideen aus erfolgreichen Storys herauszupicken und diese einfach neu zu kombinieren. Hier soll sich eine vermeintlich erfolgreiche junge Kopfgeldjägerin in einem dystopischen 3-Klassen-System selbstlos in tödliche Jagdspielchen der Reichen stürzen, um ihren Bruder zu retten. Natürlich nebst amourösen Abenteuern mit einem sexy Aufseher, der ihr gegenüber seine sensible Seite zeigt.
Das Buch startet mit nervigen Bandwurmsätzen, Infodump und zuviel unnötigem Blabla. Doch nicht nur der Schreibstil ließ mich enttäuscht zurück, auch die unkreative Aneinanderreihung von Klischees, Stereotypen, Floskeln und Logikfehlern minderten den Lesespaß erheblich. So landet eine Kopfgeldjägerin in einem Gefängnis, inmitten diverser Inhaftierter, welche wegen genau ihr dort einsitzen. Hier sollte man einiges an Rachepotential erwarten, doch bis auf eine Person reicht allen anderen Feinden das Werfen böser Blicke und vielleicht mal ein das Stellen eines Beinhakens aus. Langweilig. Dann das Gefängnis selbst: Hier wird das Recht der Privilegierten für Spaß am Quälen und Töten missbraucht, für die Jagd auf die Gefangenen bezahlt. Was für uns Minigolf und Gotcha, ist dort ein Geburtstagsevent mit tödlicher Munition für den Teenie-Nachwuchs. Rechnerisch könnten täglich so bis zu 30 Todesopfer zusammenkommen. Kopfrechnen mag in dieser Dystopie womöglich nicht mehr so ganz gängig sein, doch tatsächlich kämen so selbst bei einem Drittel Überlebender noch immer 20 Opfer pro Tag zusammen, was einen entsprechend notwendigen Nachschub benötigt von rund Sieben- bis Zehntausend Inhaftierten pro Jahr. Mal abgesehen von dem ganzen logistischen Aufwand will das wirklich niemandem auffallen, dass da für Reichenspielchen Unzählige eingekerkert werden, nur weil dem Nachbarn deren Nase nicht gefällt?
Ebenso erstaunlich ist, dass die Ich-Erzählerin wirklich sehr oft sehen kann, dass sie rot oder blass im Gesicht wird. Wie soll das gehen? Wenn die Autorin verdeutlichen will, dass eine Erzählerin aufgeregt oder ängstlich ist, sollte sie sich etwas anderes einfallen lassen statt die Person sich ihr eigenes Gesicht sehen zu lassen. Und über übermenschliche Heilkräfte scheint sie ebenfalls zu verfügen, wenn sie mit einer frisch genähten Wunden an der Hand umgehend duschen gehen kann nebst weiterer Aktivitäten, welche ich aus Spoilergründen hier nicht nenne.
Der Romance-Anteil wirkt wie deplatziert, den Kosename des Love Interests für unsere Kopfgeldjägerin empfand ich als regelrecht abtörnend. Die paar erotischen Momente im Buch liefen dann auch jedesmal nach stets demselben Schema ab: Eine Situation, in die gleich jemand hereinplatzen könnte. Er knurrt. Sie wimmert. Unkreativer geht es kaum noch.
Der Love Interest ist natürlich ein auffallend sexy Typ aus der Oberschicht, der hinter seiner Aufseher-Fassade ein sensibles Alter Ego verbirgt. Aus irgendwelchen Gründen kann unsere Kopfgeldjägerin seine auffallend goldenen (!) Augen sogar im Dunkeln farblich erkennen. Wenn ich an gelbe Augen denke, dann denke ich an Gelbsucht oder Werwölfe. Gut, letzteres könnte sein häufiges Knurren zumindest erklären.
Alle weiteren Charaktere bleiben langweilig zweidimensional, nicht, dass die beiden Hauptcharaktere wirklich ausgearbeiteter wären. Selbst die dystopische Gesellschaftsform bleibt größtenteils unreflektiert. Skrupel, auf Menschen zu schießen, wurden nicht eingearbeitet. Hier wurden Berge an Potential verschenkt. In meinen Augen wird hier nichts Neues präsentiert, stattdessen nur Altbekanntes unprofessionell und lieblos kombiniert.