Bevor alles verschwand
Schon der Titel von Defne Sumans zweitem Roman macht deutlich, dass Smyrna viel mehr als bloßer Schauplatz ist. Auf den ersten Seiten taucht der Leser in eine Stadt ein, deren Atmosphäre sie zu einer der faszinierendsten Hafenstädte des östlichen Mittelmeers macht. Die Stimmung erinnert dabei etwas an die Endphase Konstantinopels, als sich die Besonderheit eines Ortes unmittelbar vor seinem Verschwinden noch einmal zu verdichten scheint. Smyrna leuchtet nicht erst mit dem großen Brand im Jahr 1922, ihr Glanz zieht sich über Jahrhunderte hinweg. Auf relativ engem Raum leben hier Türken, Griechen, Armenier und Europäer neben- und miteinander und teilen exotische Gerichte und Alltagsgewohnheiten. Als Leserin komme ich sofort in die Straßen und Gassen hinein, wo sich orientalische Gerichte mit den Gerüchen von Jasmin, Bougainvillea, Orangenblüten und Zypressen mischen und mich in eine Welt entführen, in der ich verweilen möchte. Der Alltag der Menschen liegt stärker im Fokus als die politischen Ereignisse jener Zeit. Suman zeigt Frauen beim gemeinsamen Kaffee trinken, junge Liebende, die sich heimlich treffen oder Nachbarn im Gespräch oder beim Klatsch über die neuesten Ereignisse. Gerade diese scheinbar beiläufigen Szenen verleihen Smyrna seine Lebendigkeit. Dabei liegt über vielen dieser Szenen bereits ein Schatten. Zwischen den Gesprächen der Nachbarn, Begegnungen junger Liebender und dem geschäftigen Treiben auf dem Basar dringen politische Spannungen in den Alltag ein und kündigen den bevorstehenden Umbruch an. Allerdings bleibt die Autorin sprachlich angenehm zurückhaltend. Sie verzichtet auf große dramatische Gesten und lässt stattdessen die alltäglichen Szenen für sich sprechen. Gerade diese ruhige Erzählweise verleiht dem späteren Untergang Smyrnas seine besondere emotionale Wucht. Die Handlung wird dabei hauptsächlich Frauen unterschiedlicher ethnischer und sozialer Herkunft getragen. Die Frauen sind es auch, die sich dem Umbruch in eine noch unbekannte, neue Zeit mit Vorsicht nähern, wohingegen die Männer sich politisch oft viel schneller positionieren wollen. Dabei verzichtet Defne Suman bewusst auf eine einzelne Hauptfigur. Stattdessen entfaltet sich der Roman als vielstimmiges Geflecht unterschiedlichster Lebenswege. Die selbstbewusste und eigensinnige Levanthinerin Edith, der indische Spion Avinash im Dienst des britischen Empires oder die junge Panayota stehen stellvertretend für Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, deren Schicksale sich im kosmopolitischen Smyrna immer wieder kreuzen. Gerade dieser Reichtum an Perspektiven macht den Reiz des Romans aus: Nicht eine einzelne Biografie erzählt die Geschichte der Stadt, sondern die Stadt selbst spiegelt sich in ihren Bewohnern. Selbst Figuren, die nur wenige Seiten begleiten, hinterlassen den Eindruck, als hätten sie schon lange vor Beginn des Romans ein eigenes Leben geführt. Während es der jungen Panayota völlig recht ist, vom Sultan oder “sogar” Mustafa Kemal regiert zu werden, träumt ihr Freund Stavros von Großgriechenland und möchte deshalb unbedingt in den Krieg ziehen. Während sie ihn vor den schwierigen Bedingungen der anatolischen Steppe, aus der ihre Familie ursprünglich stammt, bevor sie in die Hafenstadt gezogen ist, warnt, und im Grunde nur möchte, dass er von seinem Vorhaben abkommt und sie heiraten und eine Familie gründen; “so wie alle vor uns” ruft sie fast verzweifelt vor ihm aus, ist Stavros offensichtlich nicht mehr umzustimmen. Mit der Eskalation des Krieges erreicht die Gewalt nun auch den Alltag der Bewohner. Familien geraten zwischen die Fronten, politische Gegensätze dringen bis in Freundschaften und Liebesbeziehungen vor. Am Ende bleibt weniger der Brand als die Erinnerung an eine Stadt. Viele der Figuren erzählen von ihrer Heimat erst, nachdem sie sie bereits verloren haben.