Ein fesselnder, nicht loslassender Thriller

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Tödliches Angebot hat mich erwischt, und zwar so richtig. Ich hatte ehrlich gesagt nicht die höchsten Erwartungen – das Zitat mit Gone Girl auf dem Cover macht ja inzwischen jeder zweite Thriller von sich, und meistens stimmt der Vergleich nicht. Hier stimmt er. Nicht weil die Bücher ähnlich sind, sondern weil Kashino dasselbe handwerkliche Prinzip anwendet, das Flynn so gut beherrscht: eine Figur so nah erzählen, dass man ihre Logik übernimmt, bevor man merkt, was man da eigentlich tut.

Margo sucht ein Haus für ihre Familie. Das ist der Ausgangspunkt, und der klingt so banal, so alltäglich, dass man sich schnell in falscher Sicherheit wiegt. Aber die Verzweiflung ist von der ersten Seite an spürbar, und Kashino lässt sie so sachte eskalieren, dass man immer erst im Nachhinein merkt, wie weit man schon mitgegangen ist. Ein bisschen Stalking. Na ja. Ein bisschen Hausfriedensbruch. Okay, aber man versteht sie ja irgendwie. Und dann kommt der Moment, an dem gar nichts mehr harmlos ist, und man sitzt da und denkt: Wann genau ist das passiert?

Die Stärke des Buchs liegt in dieser Konsequenz. Margos Innenperspektive ist so lückenlos und so ehrlich gegenüber sich selbst, dass man ihrer Selbstwahrnehmung vertraut, auch wenn man weiß, dass man es nicht sollte. Das ist eine seltene Leistung. Pacing, Spannungsaufbau, Charaktermotivation – alles sitzt.

Wenn ich etwas anmerken würde, dann dass manche Nebencharaktere etwas funktional bleiben. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau, weil der Roman konsequent aus Margos Perspektive erzählt wird und alles, was nicht Margo ist, entsprechend durch ihren Filter läuft.

Ich hab die Hörbuchversion gehört und war von der ersten Stunde an gefangen. Für alle, die bereit sind, einer moralisch fragwürdigen Figur tief in den Kopf zu steigen, ohne dass das Buch ihnen sagt, wie sie das finden sollen – absolut empfehlenswert. Für Leserinnen und Leser, die klare Sympathieträger brauchen, ist es vielleicht eine Herausforderung. Aber vielleicht ist genau das der Grund, es trotzdem zu lesen