Eine leise Reise zu sich selbst

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karin_50 Avatar

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Schon der Schauplatz hat mich an diesem Roman besonders angesprochen. Das winterliche Tokio mit seinen Lichtern, verschiedenen Vierteln und kleinen Einblicken in den japanischen Alltag schafft eine ganz eigene Atmosphäre. Dabei ist Caitlyns Aufenthalt viel mehr als eine Reise durch eine fremde Stadt. Sie sucht nach ihrem Vater, zu dem seit Jahren kein Kontakt mehr besteht, und hofft auf Antworten aus ihrer Vergangenheit.
Ungewöhnlich fand ich die Dating-App, über die Caitlyn zunächst glaubt, Will kennenzulernen. Jede Nachricht muss mindestens 75 Wörter umfassen, wodurch von Anfang an ausführlichere Gespräche entstehen. Als sich herausstellt, dass eigentlich Wills bester Freund Jude mit ihr geschrieben hat, ist ihre Enttäuschung verständlich. Trotzdem verbringen die beiden anschließend Zeit miteinander, denn Jude begleitet Caitlyn durch Tokio und unterstützt sie bei ihrer Suche.
Besonders gefallen hat mir, dass die Liebesgeschichte nicht alles andere verdrängt. Caitlyn und Jude kommen sich langsam näher und lernen dabei auch die verletzlicheren Seiten des anderen kennen. Gleichzeitig spielen Freundschaft, Familie und Zugehörigkeit eine wichtige Rolle. Die Freundesgruppe vermittelt dabei viel Wärme und zeigt, dass Familie nicht unbedingt nur aus Menschen bestehen muss, mit denen man verwandt ist.
Anne Pätzold erzählt ruhig und gefühlvoll und lässt der Entwicklung ihrer Figuren viel Raum. An einigen Stellen hätte die Geschichte für meinen Geschmack etwas mehr Tempo vertragen, denn manche Abschnitte ziehen sich ein wenig. Dafür konnte ich mich sehr gut auf die winterliche Stimmung und Caitlyns persönliche Suche einlassen.
Für mich ist es gerade diese Verbindung aus Tokio, Freundschaft und der Suche nach einem Platz im Leben, die den Roman besonders macht. Die zarte Annäherung zwischen Caitlyn und Jude fügt sich schön darin ein, ohne zu sehr im Vordergrund zu stehen. Ich habe die beiden gern auf ihrem Weg begleitet und mochte vor allem die ruhigen, zwischenmenschlichen Momente.