Wie aus einem abgesagten Flug ein neues Kapitel im Leben wird

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thelordpepper Avatar

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Ich habe "Tokyo Seasons" von Anne Pätzöld, erschienen im September 2026 bei dtv, als Rezensionsexemplar auf einer Bücherplattform erhalten, vielen Dank dafür.

Caitlyn, eine junge Frau in ihren Zwanzigern, wird von ihrem Arbeitgeber von der US Westküste kurz vor Weihnachten für knapp 2 Tage geschäftlich nach Tokyo geschickt. Es kommt wie es kommen muss - ihr geplanter Rückflug wird gestrichen, und so endet Caitlyn übermüdet in einem Hotel in Tokyo, und wartet darauf, eine nächste Möglichkeit zur Heimreise zu erhalten. Aus einer Mischung zwischen Langeweile, Neugier, und Jetlag macht sie über eine rein textbasierte Dating-App eine spannende Bekanntschaft. Als sich ihr Rückflug weiter hinzieht, entwickelt sich auch die online-Bekanntschaft völlig anders als erwartet hätte. Die Verzögerung gibt ihr auch die Chance, ihr privates Nebenprojekt in Tokyo weiter zu verfolgen - die Suche nach ihrem Vater, der vor rund 10 Jahren plötzlich aus ihrem Leben verschwunden ist. Sie verbringt die Tage über Weihnachten bis zum Jahreswechsel in einem Strudel aus neuen Eindrücken, über den Haufen geworfenen Gewissheiten und schmerzhaften Wahrheiten.

Ich habe etwas gemischte Gefühle diesem Buch gegenüber. Mein Aufhänger, es lesen zu wollen war der Bezug zu Tokyo und Japan. Das spielt zwar eine wesentliche Rolle in der Geschichte, aber für mich auf eine seltsam nebensächliche Art - die Geschichte könnte wohl genausogut in London, Paris, Rio, Singapur oder sonstwo angesiedelt sein. Japan gibt dem ganzen zwar ein exotisches Setting, prägt aber die Geschichte nicht wirklich. Zudem hat die Geschichte für mich einen krassen Bruch: Wir haben einerseits Caitlyn, die unversehens Teil einer liebevollen, grundsätzlich fröhlichen Clique wird (auch wenn alle darin ihre eigenen Lasten zu tragen haben) und dadurch ein ganz neues Lebensgefühl kennen- und innert kürze auch lieben lernt. Und andererseits haben wir im zweiten Teil des Buches Caitlyn auf der Suche nach der Geschichte ihres Vaters, und auch wenn ihre neuen Freundschaften ihr in dieser Phase eine Stütze sind, so sind sie seltsam wenig verbunden mit diesem Teil des Buches. Die Frage, warum diese Übergänge so abrupt sind hat mich beim und nach dem Lesen etwas ratlos zurückgelassen.

Die Sprache des Buches hat mir soso-lala gefallen. Wir lesen die Erzählung sehr intensiv aus Caitlyn's Perspektive, fast als ob wir in ihren Kopf sehen könnten. Das passt sehr gut zu diesem Buch. Der Sprachstil ist wohl ebenfalls passend zu einer jungen Frau, die auf der Suche nach vielem ist, was auch unausgesprochen bleibt; hat mich aber nicht ganz abgeholt. Das durchgehende Gendern kommt hier und da etwas arg künstlich daher, primär an den Stellen, an welchen die Wortwahl auch schon "ungegendert" etwas eigenartig war. Meine persönlichen Vorlieben was den Sprachstil angeht lasse ich bei der Sternebewertung allerdings aussen vor.

Achtung, es folgen Spoiler: der grösste Spoiler im Buch sind die umfangreichen Triggerwarnungen zu Beginn des Buches - und mit der Warnung, dass es auch um den Tod eines Elternteils geht wird die Auflösung des grossen Rätsels halt schon vorweggenommen, und es ist klar, was das Ergebnis sein wird wenn Caitlyn die Geschichte ihres Vaters erfährt. So sehr ich Verständnis habe für solche Warnungen, so sehr killt es leider einfach auch einen wesentlichen Teil der Geschichte. Was ich mich hingegen frage: Das Buch wird als Jugendbuch / New Adult angepriesen (ich gehöre eher in die Kategorie Middle-age Adult, bin also wohl nicht die Zielgruppe) - aber ist das wirklich ein Buch, das für Jugendliche geeignet ist? Ich mache da ein Fragezeichen dahinter, denn der Inhalt ist schon nicht einfach triviale, leichte Kost.

Alles in allem wäre dies für mich ein 3.5-Sterne-Buch. Da ich bei Vorablesen keine halben Sterne vergeben kann, bewerte ich hier mit 3 Sternen.