Beklemmend, schockierend, absolut fesselnd

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„Totensee“ ist Sophie Czernys sehr gelungenes Thrillerdebüt. Ich habe mich für die ungekürzte Hörbuchausgabe von Argon entschieden, über 11 Stunden und 47 Minuten gelesen von Christiane Marx, der exzellenten Sprecherin zahlreicher Hörbücher.

Ada Sabels Tochter ist seit fünf Monaten abgängig. Im Alleingang sucht die momentan suspendierte Wiener LKA-Kommissarin nach der 14jährgen Mara, da die Behörden ihr Verschwinden eher lapidar handhaben.

Schon der Prolog zieht mich in eine mystische Stimmung, die ich so gar nicht zu durchdringen vermag. Dann aber wird es konkret, wir sind in Wien Anfang Dezember des Jahres 2002, also in der Gegenwart. Dann wieder schwenkt der Focus in eine Wohnsiedlung am Rande Berlins, um später danach mit einer kopflosen Leiche am Ufer des Wiener Donaukanals konfrontiert zu werden, auf deren Rücken mit blutigen Buchstaben ADA eingeritzt ist, der persönliche Bezug ist nicht zu übersehen. Die Orte und auch die Zeiten wechseln, wir blicken nach Bad Reichenhall und auch in Münchens Nähe geschah Schlimmes, wie sich so nach und nach herauskristallisiert. Aber – wo ist Mara?

Wie schon erwähnt, habe ich Christiane Marx Stimme gelauscht, die mich durch Adas nervenaufreibende Suche nach ihrer Tochter geführt hat. Kaum in Wien stehe ich bildlich auch schon in Berlin vor einer Wohnungstür, dabei wird Frieda zum ersten Mal erwähnt. Ihr begegne ich danach des Öfteren in den Sequenzen, die von früher berichten, auch andere spielen ihre ureigene Rolle. Anfangs haben mich diese schnellen Schnitte schon etwas verwirrt, bald aber war ich so sehr bei Adas verzweifelter Suche nach ihrer Mara, dass ich alles andere ausgeblendet habe. Ich stand gefühlt direkt neben Ada, habe mit ihr gehofft und gebangt und gezittert. Sie konnte ich immer besser verstehen - als Mutter gibt man nie auf, alles andere wird nicht nur ausgeblendet, es ist schlichtweg unwichtig.

Die Story ist ab sofort rasant, ohne reißerisch zu sein. Der Erzählton trotz der Brisanz der Suche gemäßigt, gleichwohl zieht mich dieser Schreibstil wie magisch ins Geschehen. Adas Vergangenheit zeigt Schockierendes auf, menschliche Abgründe werden offenbart, die unerbittlich nach oben drängen. Wie greifen diese längst verdrängt geglaubten Ereignisse von damals in das gegenwärtige Geschehen? Was haben Ada und vor allem was hat Mara damit zu tun?

Der Thriller ist hart, keine Frage. Von Kindesmissbrauch und von dem, was danach folgt, höre ich. Eine beklemmende Atmosphäre tut sich auf, ein Entkommen war denen, die sich darin verfangen haben, nicht möglich. Vertuschungen als Folge dessen und Grenzüberschreitungen brachte noch mehr Tragik mit sich – es entsteht so ein grauenhaftes Bild menschlicher Abgründe.

„Totensee“ hat mich geschockt, gefesselt, hat mir den Atem anhalten lassen, er ist düster, er zerrt an den Nerven, geht tief unter die Haut. Trotzdem möchte ich ihn nicht missen, diesen alles mitreißenden Thriller, dieses fulminante Debüt von Sophie Czerny, als Hörbuch gekonnt vorgetragen, der Thematik perfekt angepasst.