Gnadenlos abgründig
„Hör gut zu. Dein größter Feind wird nicht da draußen warten. Er steckt in dir…“
Die suspendierte Kommissarin Ada Sabel ist verzweifelt auf der Suche nach ihrer entführten 14-jährigen Tochter Mara. Als eine kopflose Leiche gefunden wird, auf deren Rücken Adas Name eingeritzt wurde, glaubt sie an einen Zusammenhang mit der Entführung. Auf eigene Faust beginnt sie zu ermitteln und stößt dabei auf immer mehr dunkle Geheimnisse. Die Spuren führen sie schließlich tief in ihre eigene Vergangenheit.
Hamburg, Berlin, München, Wien und Salzburg, dazu mehrere Zeitebenen und zahlreiche Handlungsstränge: „Totensee“ verlangt dem Leser zunächst einiges ab. Der Einstieg ist überaus anstrengend und verwirrend. Selbst nach knapp 100 Seiten hatte ich noch keine wirkliche Vorstellung davon, welche Geschichte hier eigentlich erzählt werden soll. Das hat mir zunächst überhaupt nicht gefallen.
Auch mit den Figuren wurde ich anfangs nicht warm. Alle Charaktere, einschließlich Ada, wirkten auf mich unsympathisch oder zumindest schwer zugänglich. Ich musste mich tatsächlich dazu zwingen, das Buch an dieser Stelle nicht einfach abzubrechen.
Und was soll ich sagen: Das Durchhalten hat sich gelohnt.
Sobald die einzelnen Erzählstränge allmählich zusammenlaufen und die Geschichte ihren Rahmen findet, nimmt der Thriller deutlich an Fahrt auf. Es entwickelt sich eine rasante Achterbahnfahrt, die es stellenweise ordentlich in sich hat. „Totensee“ ist ein äußerst harter Thriller, der auch vor drastischen Details und expliziter Gewaltdarstellung nicht zurückschreckt. Definitiv kein Lesestoff für zart besaitete Seelen!
Je mehr Zusammenhänge sich erschließen, desto spannender wird die Geschichte. Auch Adas zunächst verstörendes Verhalten bekommt nach und nach einen nachvollziehbaren Hintergrund. Ihre Handlungen kann man zunehmend verstehen, sodass ich schließlich doch mit ihr mitgefiebert habe.
Die oftmals extrem kurzen Kapitel treiben die Handlung zusätzlich voran. Irgendwann möchte man das Buch kaum noch aus der Hand legen: nur noch ein kurzes Kapitel … und dann noch ein allerletztes.
Wer sich von der zunächst verwirrend komplexen Handlung nicht abschrecken lässt und gnadenlos abgründige Thriller mag, liegt mit „Totensee“ durchaus richtig.