Harte Kost mit vielen Stärken und einer Schwäche
Das Thrillerdebüt von Sophie Czerny ist harte Kost, es hat viele Stärken,aber auch eine in meinen Augen große Schwäche, aber der Reihe nach. Das Cover hat mich sofort angesprochen, obwohl für mich das ein wenig ausschlagendes Kriterium ist. Aber mit lila oder pink plus einem Rabe oder eine Krähe dazu - zack, hat man mich! Absolut überzeugend finde ich auch das Cover mit dem See und den Buchtitel. Totensee erzählt die Geschichte der suspendierten LKA-Beamtin Ada. Sie ist verzweifelt, ihre Tochter Mara wurde entführt, aber die Polizei schenkt ihr keinen Glauben. So sieht sie sich gezwungen, sich eigenständig auf die Suche nach ihrer Tochter zu begeben. Als eine kopflose Leiche auftaucht, in der Adas Namen eingeritzt ist, fühlt sie sich beinahe ohnmächtig. Sie ahnt langsam, dass die Lösung in ihrer Vergangenheit liegt - in einem Heim, in dem Kinder unvorstellbare Gräueltaten erlebten. Was ich ja sehr liebe, ist, dass wir in Totensee zu Beginn viele verschiedene Orte und Personen kennenlernen. Außerdem mag ich es, wenn es herauszufinden gilt, wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind. Bereits mit dem Einstieg gelingt es der Autorin eine beklemmende Stimmung zu erzeugen. Diese unheilvolle Atmosphäre war für mich während des Lesens dauerhaft spürbar, selbst zu Beginn, wenn man noch sehr viel rätselt, wer wer ist und wie die verschiedenen Orte miteinander zusammenhängen. Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und bildhaft. Der Spannungsaufbau ist absolut gelungen und nimmt im letzten Drittel nochmals rasant an Fahrt auf. Zum Teil ist die Geschichte wirklich nervenaufreibend und der Leser bleibt fasslungslos zurück. Die Charaktere sind für mich sehr glaubhaft dargestellt und ich konnte erkennen, dass sich Sophie Czerny mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Besonders emotional berührt hat mich die Verbindung zwischen Ada, ihrer Tochter und Adas Freundin Heidi. Gut herausgearbeitet fand ich z. B. auch die Mutter-Tochter-Beziehung, die einmal typisch für das Teenager-Alter ist, aber hier noch andere Aspekte darstellt, die eben in Adas Vergangenheit begründet liegen. Mit ein Punkt, weshalb wohl auch die Polizei Ada nicht glauben will. Dass Ada sich in einer moralischen Grauzone bewegt, konnte ich gut nachempfinden. Manchmal dachte ich :"Mensch, damit reitest du dich doch noch tiefer rein!" Ich glaube aber, in einer solchen Situation ist es unmöglich, ausschließlich rational zu denken. Ada ist nicht nur LKA-Beamtin, sie ist auch Mensch! Für mich war das Ende zwar früh vorhersehbar, aber das tut meiner Lesefreude überhaupt keinen Abbruch, wenn - so wie hier - fesselnd und packend erzählt wird. Ich fand es zwar ein wenig konstruiert und dachte so für mich, so aufwendig würde ich es mir als Mörder nicht machen, aber es hat dennoch für mich gepasst. In Totensee begegnet uns harter Tobak und für mich war es daher gut, dass die Autorin einige Elemente aus anderen Büchern eingefügt hat, u. a. das eidetische Gedächtnis, das Zimmer 101 in Bad Gastein usw. Insidern dürfte das bekannt sein und es half mir auch, die heftige düstere Atnosphäre besser aushalten zu können. Einen großen Kritikpunkt habe ich aber: Ich vermisse eine Triggerwarnung, die hätte man eigentlich noch in den Klappentext einbauen können wie z. B. "...nicht ahnend, dass sie mit jedem Schritt auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit näherkommt" - einem Heim, in dem Kindern unvorstellbare Gräueltaten widerfuhren oder so ähnlich. Missbrauch ist ein Thema, das nicht unter den Teppich gekehrt werden darf, dafür sollte immer sensibilisiert werden! Aus diesem Grund vergebe ich nur vier Sterne.