Verstörend, aufwühlend und verdammt gut – aber man muss höllisch aufpassen

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antjep78 Avatar

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Manchmal braucht ein Hörbuch eine zweite Chance und „Totensee“ von Sophie Czerny war für mich genau so ein Fall.
Nach ungefähr zwei Stunden habe ich tatsächlich abgebrochen und noch einmal ganz von vorn begonnen. Die Geschichte wechselt permanent zwischen verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen. Gerade beim Hören empfand ich das anfangs als ziemlich anstrengend. Mal eben nebenbei hören? Für mich absolut unmöglich. Ich musste mich sehr konzentrieren und genau zuhören, damit mir kein wichtiges Detail entgeht.

Beim zweiten Anlauf hatte mich die Geschichte dann aber – und wie!
Im Zentrum der düsteren Handlung steht die suspendierte Kommissarin Ada Sabel, deren 14-jährige Tochter Mara vor fünf Monaten spurlos verschwunden ist. Während die Polizei davon ausgeht, dass Mara freiwillig ausgerissen ist, kann und will Ada sich damit nicht abfinden. Sie sucht auf eigene Faust weiter nach ihrer Tochter.

Dann wird am Wiener Donaukanal eine kopflose Leiche gefunden. In deren Rücken ist ausgerechnet Adas Name eingeritzt. Plötzlich scheint es eine Verbindung zwischen dem grausamen Verbrechen und Ada zu geben. Könnte der Fund endlich eine Spur zu Mara sein? Für Ada beginnt ein nervenaufreibender und brandgefährlicher Wettlauf gegen die Zeit.
Doch ihre Ermittlungen führen sie nicht nur immer tiefer in einen verstörenden Fall, sondern auch zurück in ihre eigene Vergangenheit. Längst verdrängte und tief in ihr verborgene Erinnerungen an ihre Kindheit beginnen wieder aufzuleben. Stück für Stück drängen Dinge an die Oberfläche, die Ada lange von sich ferngehalten hat. Dadurch bekommt die Geschichte eine enorme psychologische Tiefe.

Ada ist alles andere als eine klassische Ermittlerin. Sie ist gebrochen, verzweifelt und teilweise fast unnahbar. Seit dem Verschwinden ihrer Tochter scheint etwas in ihr zerbrochen zu sein. Gleichzeitig besitzt sie diesen unbedingten Willen, herauszufinden, was mit Mara geschehen ist. Gerade diese Mischung macht sie für mich zu einer unglaublich komplexen Protagonistin.
Parallel öffnen sich immer wieder andere Perspektiven – und einige davon sind wirklich schwer auszuhalten. Sophie Czerny erschafft eine düstere, teilweise fast klaustrophobische Atmosphäre. Trauer, Schuld, Verlust und Vergeltung ziehen sich durch die Geschichte und machen „Totensee“ für mich zu weit mehr als einer klassischen Jagd nach einem Täter.

Und dann ist da noch Christiane Marx.
Was für eine Sprecherin! Für mich ist ihre Interpretation ein absolutes Highlight des Hörbuchs. Sie bringt unglaublich viele Nuancen in ihre Stimme und verleiht den unterschiedlichen Figuren eine eigene Präsenz. Verzweiflung, Angst, Kälte und Wut: all das wird durch ihre Stimme regelrecht spürbar.

Inhaltlich hat mich „Totensee“ schließlich komplett überzeugt. Die Geschichte ist verstörend, aufwühlend, psychologisch intensiv und unglaublich spannend. Immer wieder werden neue Fragen aufgeworfen, Zusammenhänge verändern sich und vermeintliche Gewissheiten geraten ins Wanken.

Mein schwieriger Einstieg bleibt trotzdem ein kleiner Kritikpunkt. Die vielen Perspektiv- und Zeitsprünge verlangen beim Hören sehr viel Aufmerksamkeit. Wer Hörbücher gern nebenbei hört, könnte hier schnell den Faden verlieren. Ich musste zwar neu starten, aber ich bin sehr froh, dass ich es getan habe.
Denn sobald ich mich auf die Erzählstruktur eingelassen hatte, entwickelte die Geschichte einen Sog, dem ich mich kaum noch entziehen konnte.

Mein Fazit:
„Totensee“ ist kein Hörbuch zum Nebenbeihören. Es fordert Konzentration und hat mir den Einstieg wirklich nicht leicht gemacht. Aber wer dranbleibt, bekommt einen düsteren, psychologisch intensiven und teilweise erschreckend verstörenden Thriller, der lange nachwirkt. Und Christiane Marx setzt mit ihrer großartigen Interpretation noch einmal einen drauf.
Mein Neustart hat sich definitiv gelohnt.