Berührend

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buchgeflüster_95 Avatar

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„Trag das Feuer weiter“ von Leïla Slimani ist ein beeindruckender, vielschichtiger Roman, der die Familiengeschichte zu einem bewegenden Abschluss führt. Bereits die ersten beiden Bücher von Leila Slimani haben mir gut gefallen. Die Autorin verknüpft persönliche Schicksale mit gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen und lässt dabei spürbar werden, wie sehr Herkunft und kulturelle Prägungen in das Leben ihrer Figuren hineinwirken. Besonders faszinierend ist die Figur der Schriftstellerin Mia, deren Rückkehr nach Marokko und ihr von einem „brain fog“ überschatteter Blick auf die eigene Vergangenheit zu einem starken literarischen Motiv für Erinnerung, Verdrängung und Selbstsuche werden. Slimani erzählt in einer klaren, unaufgeregten Sprache, in der sich leise Töne und große emotionale Intensität die Waage halten, und schafft damit eine Atmosphäre, die sowohl von der Sinnlichkeit Rabats und anderer marokkanischer Schauplätze als auch von der Freiheit und Fremdheit des Lebens in Paris geprägt ist. Die Beziehung zwischen Mia und ihrer Schwester Ines, ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe und ihr jeweiliger Umgang mit Erwartungen von Familie, Gesellschaft und Liebe verleihen dem Roman zusätzliche Tiefe und zeigen, wie vielfältig der Wunsch nach Selbstbestimmung aussehen kann. Als Abschluss der Trilogie bündelt „Trag das Feuer weiter“ die Themen Identität, Migration, Weiblichkeit und familiäres Erbe auf eindrucksvolle Weise und hinterlässt das Gefühl, Zeugin eines ebenso intimen wie historischen Epos geworden zu sein, in dem Mut, Erinnerung und die Kraft der Geschichten wie ein weitergegebenes Feuer wirken.