Ein Feuer, das in uns weiterleuchtet
Mit Trag das Feuer weiter führt Leïla Slimani ihre Trilogie um Familie, Herkunft und Freiheit auf beeindruckende Weise zum Abschluss. Der Roman folgt der erfolgreichen Pariser Schriftstellerin Mia, die unter einem lähmenden „brain fog“ leidet – einem Nebel, der ihre Erinnerungen und ihre Kreativität trübt. Auf ärztlichen Rat kehrt sie in das Marokko ihrer Kindheit zurück, zur Farm ihrer Großeltern in Meknès, und begibt sich dort auf eine Reise in ihre eigene Geschichte und damit auch in das kollektive Erbe ihrer Familie.
Der erzählerische Bogen des Romans spannt sich weit. Von Mias frühen Jahren in Rabat, wo sie und ihre Schwester Inès in sehr unterschiedlichen Lebenswelten aufwachsen, bis zu ihrem Studium in Paris, wo sie zum ersten Mal offen ihre Homosexualität leben kann. Diese Rückkehr in die Vergangenheit ist zugleich ein innerer Befreiungsprozess, der den Kampf gegen gesellschaftliche Grenzen und das Streben nach Selbstbestimmung in den Mittelpunkt rückt.
Slimanis Stärke liegt nicht nur in ihrer präzisen Beobachtungsgabe, sondern auch im nuancierten Porträt ihrer Figuren. Mia ist keine klassische Heldin. Sie ist verletzlich, mit Zweifeln und Erinnerungen beladen, und doch stark in ihrem Drang, das Feuer weiterzutragen, das ihr ihre Mutter und Großmutter vorgelebt haben. Ihre inneren Konflikte, ihre Suche nach Zugehörigkeit und Freiheit machen die Geschichte berührend und nachvollziehbar.
Die Sprache Slimanis ist klar, bedacht und literarisch, wodurch sich der Roman sowohl als Familiengeschichte als auch als Reflexion über kulturelle Zugehörigkeiten und Selbstverwirklichung liest. Trag das Feuer weiter fordert dazu auf, über die Grenzen von Identität und Tradition nachzudenken und bleibt dabei stets nah an den Menschen, von denen sie erzählt.