Freiheit schreibt sich in den Körper ein: 3,5⭐️

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downey_jr Avatar

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„Trag das Feuer weiter“ von Leïla Slimani ist der Abschluss einer Romantriologie um eine marokkanisch-französische Familie, deren ersten Bände ich bisher nicht kenne. Dank des Personenverzeichnisses am Beginn des Buches kommt man jedoch auch als Neueinsteiger*in gut zurecht. Dennoch wäre es vermutlich besser, die Romane der Reihe nach zu lesen.

Diese Geschichte beginnt in Paris mit der Schriftstellerin Mia, die mit „brain fog“, einem Gehirnnebel kämpft. Ihre Erinnerungen und ihre Arbeit leiden darunter. Sie begibt sich auf Rat ihres Arztes auf Spurensuche nach Marokko, wo sie aufgewachsen ist und als junge Frau von dort wegging.
In Meknès, auf der Farm ihrer Großeltern, fühlt sie sich fremd. Sie stellt sich der Frage, wer sie denn ohne ihre Erinnerungen an ihre Familie ist.

„Was sollte es bringen, herausfinden zu wollen, wo mein Platz ist, welches mein Land ist, wenn ich nicht mal weiß, wer ich bin? Was bedeutet Identität, wenn man die Erinnerung verloren hat? Nicht die der Völker, nein, die ist mir herzlich egal, sondern die Geschichten, die mir meine Großmutter erzählte, die Märchen, die mein Vater erfand, diese ganz persönlichen »Es war einmal«, die mich ausmachen und mit denen ich meine Wände pflastere. Wenn man mich fragt, woher ich bin, weiß ich nie, was ich antworten soll, wie das Gestammel eines Stotterers, der versucht, ein Wort herauszubringen, und erschöpft aufgibt. Mein Vater, ‚the great pretender‘, gab sich gern als etwas aus, das er nicht war, und genau wie er bin ich mein eigener Fälscher geworden, die schlechte Kopie eines großen Gemäldes, eine falsche Banknote ohne Wert, außer für Einfaltspinsel, die es verdienen, betrogen zu werden.“

Nach und nach tauchen wir ein in ihre Vergangenheit und Familiengeschichte.
Im Jahr 1980, in Rabat, ist Mia gerade sechs, als ihre Schwester Inès geboren wird. Ihre Mutter ist Gynäkologin, der Vater Leiter einer Bank. Die Schwestern sind sowohl vom Aussehen als auch vom Wesen her grundverschieden; erst viel später gelingt es ihnen, sich näherzukommen.
Als Mia schließlich nach Paris geht, um zu studieren, lernt sie zum ersten Mal Freiheit kennen und kann auch ihre lesbische Liebe offen leben.

„Diese Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln, während die Vergangenheit, das Haus, die Dinge, die Erinnerungen unwichtig sind. Entfache einen großen Brand und trag das Feuer weiter.“

Leïla Slimani hat eine schöne Sprache, der Roman liest sich weitgehend flüssig. Lediglich manchmal musste ich am Beginn eines neuen Kapitels erst durchschauen, wer hier nun gerade spricht; Überschriften mit Namen wären hier hilfreich gewesen.

Auch wenn mich der Roman gut unterhalten hat, war er leider nicht das erwartete Highlight für mich. Zum einen liegt das daran, dass der Klappentext ganz andere (falsche?) Erwartungen an die Handlung bei mir geweckt hatte.

Dieser Roman über Migration, Anpassung und Geschlechterrollen, den Wunsch nach Freiheit und der Frage nach der eigenene Identität hatte einige starke Momente und intensive Worte:
„Freiheit, überlegte er, schreibt sich in den Körper ein, in die Muskeln, die Bewegungen.“

Gerade viele Situationen aus Mias Kindheit und Jugend, die Zerrissenheit und die gesellschaftliche Lage waren sehr intensiv dargestellt:
„Mia bewunderte ihre Eltern. Anders als ihre Freunde, die sich gern über die Erwachsenen beschwerten, neigte sie eher dazu, ihre Offenheit, ihre Bildung und Intelligenz hervorzuheben. Die Tatsache, dass sie großzügig waren und sich für andere interessierten. Doch sie musste zugeben, dass etwas nicht stimmte. Hinter diesen großen Worten waren ihre Eltern ängstlich, angepasst, verklemmt. Mia hatte schließlich begriffen, dass sie zwischen zwei Welten lebte. Der im Haus, wo ihre Eltern sich modern und um den Erfolg und die Unabhängigkeit ihrer Töchter besorgt zeigten. Und der draußen, die gefährlich und unbegreiflich war. Zu Hause konnte man Kopftuch und Fanatismus kritisieren, sich über diese schrecklichen Bärtigen aufregen, die Salman Rushdie bedrohten. ‚Aber so läuft es hier nicht.‘ Draußen durfte man nicht darüber reden, nicht provozieren, man musste so tun, als respektiere man die guten Sitten. Ihre Eltern waren Heuchler, und es beschämte Mia, festzustellen, dass sie nicht frei waren.
[....]
Nicht beschreiben, wie wir leben, was wir essen, trinken, sagen und woran wir glauben.
[....]
Ihre Eltern hatten akzeptiert, in dieser moralischen Verwirrung zu leben, sie hatten sie an ihre Kinder weitergegeben, und Mia wusste jetzt, dass sie ihr niemals helfen könnten, die Frage »Wer bin ich?« zu beantworten.“

Meine hohen Erwartungen wurden leider nicht ganz erfüllt, auch wenn das Buch sprachlich sehr gut ist. Ich vergebe 3,5 von 5 Sternen.

Vielen Dank an den Luchterhand Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!