„Habe ich die Meinen verraten? Und wer sind überhaupt die Meinen?“
Mit „Trag das Feuer weiter“ (hervorragend übersetzt aus dem marokkanischen Französisch von Amelie Thoma) liefert Leїla Slimani den abschließenden Teil ihrer fesselnden, vielschichtigen und berührenden Trilogie, deren Handlung auf der Familiengeschichte der Autorin selbst basiert. Dieser autobiografische Aspekt wird besonders in der Person der vermeintlichen Protagonistin Mia, welche direkt zu Beginn des Romans als Schriftstellerin vorgestellt wird, deutlich.
Während der Klappentext auf den ersten Blick vermuten lässt, dass Mia in diesem Roman im Vordergrund stehen wird, dient ihre Rolle primär dazu, Erzählstränge und Entwicklungen der Familienmitglieder verschiedener Generationen darzustellen und miteinander zu verknüpfen. Darunter finden sich neben ihrer jüngeren Schwester Inès auch einige bekannte Gesichter aus den vorangegangenen Teilen der Trilogie – insbesondere ihrer Mutter Aїcha und ihres Ehemanns Mehdi Daoud, sowie ihrer Großeltern Mathilde und Amine Belhaj, ihrerseits Eltern von Aїcha. Sicherlich ist es des Verständnisses wegen von Vorteil, die ersten beiden Teile, in denen u.a. die Geschichte von Mathildes Auswanderung nach Marokko, ihrer nicht unkomplizierten Ehe mit Amine und dem Aufwachsen ihrer Kinder erzählt wird, gelesen zu haben, um die Charaktere und deren Wesen und Entwicklung besser nachvollziehen zu können, jedoch funktioniert der Roman meiner Meinung nach auch gut als eigenständiges Werk. Das übersichtliche Personenverzeichnis zu Beginn von „Trag das Feuer weiter“ dient hierbei als hilfreiche Gedächtnisstütze.
Der Einfluss Slimanis persönlicher Gefühle und Erlebnisse in diesem Roman kommt insbesondere auch dadurch zum Vorschein, dass sie zum ersten Mal einzelne Passagen, sowohl von Mia als auch Aїcha, aus der Ich-Perspektive erzählt, welche mir persönlich durch ihre Ausdrucksstärke und Eindringlichkeit besonders im Gedächtnis geblieben sind.
Stilistisch hat mich dieser dritte Teil mindestens genauso überzeugt wie seine Vorgänger. Slimanis facettenreiche Beschreibungen von Umgebungen, Beziehungen und Innenleben der Charaktere sind so eingehend, poetisch und detailverliebt, sodass es leicht fällt, sich in die einzelnen Situationen und Figuren hineinzuversetzen. Ganz besonders phänomenal finde ich an Slimanis Stil, wie sie komplexe Figurenbeziehungen und deren Entwicklung in all ihrem Tiefe darstellt, ohne häufig auf wörtliche Reden zurückzugreifen. Auch an dieser Stelle möchte ich der Übersetzerin Amelie Thoma ein Kompliment aussprechen, diese Stilistik und die vielschichtigen Gefühlswelten dieses Romans herausragend ins Deutsche transportiert hat.
Wichtig zu erwähnen ist selbstverständlich auch die historische und politische Ebene, die dieser Roman bietet. Slimani liefert enorm viele zeitgeschichtliche Hintergrundinformationen über die Beziehung zwischen Frankreich und Marokko, den vorherrschenden gesellschaftlichen und religiösen Konventionen sowie Themen wie Homosexualität, Identitätskonflikten, Exil, Zugehörigkeit, Heimat, Erinnerungskultur und rassistischer Stereotypisierung. Manchmal fiel es mir etwas schwer, all diese Hintergrundinformationen einzuordnen und in Kontext zu setzen, was aber sicherlich in erster Linie eher an meinem mangelnden Vorwissen liegt als an einer zu unübersichtlichen und herausfordernden Darstellung von Seiten der Autorin.
Die Figuren der Trilogie sind mir sehr ans Herz gewachsen, und ich werde bestimmt immer wieder an sie und deren Entwicklung und Geschichten denken. Ich habe mich durchweg gut unterhalten gefühlt und konnte zugleich einiges dazulernen. Meine momentan einzigen Kritikpunkt sind, dass einzelne zeitgeschichtlich-politische Passagen etwas meinen Lesefluss gebremst haben und dass ich es etwas schade finde, dass Charaktere mit sehr viel Potenzial, wie beispielsweise Selma, für meinen Geschmack etwas zu kurz kamen. Vielleicht macht sie aber gerade das für mich so besonders interessant. Insgesamt kann ich für diesen Roman sowie seine Vorgänger also eine klare Empfehlung aussprechen! (4,5/5)
Während der Klappentext auf den ersten Blick vermuten lässt, dass Mia in diesem Roman im Vordergrund stehen wird, dient ihre Rolle primär dazu, Erzählstränge und Entwicklungen der Familienmitglieder verschiedener Generationen darzustellen und miteinander zu verknüpfen. Darunter finden sich neben ihrer jüngeren Schwester Inès auch einige bekannte Gesichter aus den vorangegangenen Teilen der Trilogie – insbesondere ihrer Mutter Aїcha und ihres Ehemanns Mehdi Daoud, sowie ihrer Großeltern Mathilde und Amine Belhaj, ihrerseits Eltern von Aїcha. Sicherlich ist es des Verständnisses wegen von Vorteil, die ersten beiden Teile, in denen u.a. die Geschichte von Mathildes Auswanderung nach Marokko, ihrer nicht unkomplizierten Ehe mit Amine und dem Aufwachsen ihrer Kinder erzählt wird, gelesen zu haben, um die Charaktere und deren Wesen und Entwicklung besser nachvollziehen zu können, jedoch funktioniert der Roman meiner Meinung nach auch gut als eigenständiges Werk. Das übersichtliche Personenverzeichnis zu Beginn von „Trag das Feuer weiter“ dient hierbei als hilfreiche Gedächtnisstütze.
Der Einfluss Slimanis persönlicher Gefühle und Erlebnisse in diesem Roman kommt insbesondere auch dadurch zum Vorschein, dass sie zum ersten Mal einzelne Passagen, sowohl von Mia als auch Aїcha, aus der Ich-Perspektive erzählt, welche mir persönlich durch ihre Ausdrucksstärke und Eindringlichkeit besonders im Gedächtnis geblieben sind.
Stilistisch hat mich dieser dritte Teil mindestens genauso überzeugt wie seine Vorgänger. Slimanis facettenreiche Beschreibungen von Umgebungen, Beziehungen und Innenleben der Charaktere sind so eingehend, poetisch und detailverliebt, sodass es leicht fällt, sich in die einzelnen Situationen und Figuren hineinzuversetzen. Ganz besonders phänomenal finde ich an Slimanis Stil, wie sie komplexe Figurenbeziehungen und deren Entwicklung in all ihrem Tiefe darstellt, ohne häufig auf wörtliche Reden zurückzugreifen. Auch an dieser Stelle möchte ich der Übersetzerin Amelie Thoma ein Kompliment aussprechen, diese Stilistik und die vielschichtigen Gefühlswelten dieses Romans herausragend ins Deutsche transportiert hat.
Wichtig zu erwähnen ist selbstverständlich auch die historische und politische Ebene, die dieser Roman bietet. Slimani liefert enorm viele zeitgeschichtliche Hintergrundinformationen über die Beziehung zwischen Frankreich und Marokko, den vorherrschenden gesellschaftlichen und religiösen Konventionen sowie Themen wie Homosexualität, Identitätskonflikten, Exil, Zugehörigkeit, Heimat, Erinnerungskultur und rassistischer Stereotypisierung. Manchmal fiel es mir etwas schwer, all diese Hintergrundinformationen einzuordnen und in Kontext zu setzen, was aber sicherlich in erster Linie eher an meinem mangelnden Vorwissen liegt als an einer zu unübersichtlichen und herausfordernden Darstellung von Seiten der Autorin.
Die Figuren der Trilogie sind mir sehr ans Herz gewachsen, und ich werde bestimmt immer wieder an sie und deren Entwicklung und Geschichten denken. Ich habe mich durchweg gut unterhalten gefühlt und konnte zugleich einiges dazulernen. Meine momentan einzigen Kritikpunkt sind, dass einzelne zeitgeschichtlich-politische Passagen etwas meinen Lesefluss gebremst haben und dass ich es etwas schade finde, dass Charaktere mit sehr viel Potenzial, wie beispielsweise Selma, für meinen Geschmack etwas zu kurz kamen. Vielleicht macht sie aber gerade das für mich so besonders interessant. Insgesamt kann ich für diesen Roman sowie seine Vorgänger also eine klare Empfehlung aussprechen! (4,5/5)