Lebendiger Roman über eine besondere Familie

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merkurina Avatar

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Kaum war "Trag das Feuer weiter" bei mir eingetroffen, schaute mich das Cover schon von überall an - und es erschienen die ersten Lobeshymnen in den Feuilletons. Da war es mir noch gar nicht gelungen, so richtig in das Buch rein zu kommen, da mein Jahr sehr arbeitsintensiv begann.
Am schönsten ist es, dieses Buch zu lesen, wenn man Zeit hat, sich hineinzuversenken, am besten stundenlang auf der Couch, hinein zu versenken in eine Welt, die für mich schillerte zwischen scheinbar Bekanntem und überraschend Fremdem.
Dieser Teil der marokkanisch-französischen Geschichte ist wenig erzählt, scheint mir - außer durch Leila Slimani selbst, ich kannte aber noch nichts von ihr. Die westlich orientierte Oberschicht Marokkos, zumindest vor dem Erstarken des Islamismus, lebt nach ihren Regeln und gerät doch mehr und mehr in Widersprüche. In all dem lebt eine gebildete Familie, die der Protagonistin Mia, eigentlich eine normale Familie, die aber im Netz der Befürchtungen, Schamgefühle und Ausweichmanöver zurechtkommen muss.
Und all das ist tatsächlich ganz großartig geschrieben, nicht monoton durcherzählt, wie es manche Familensaga ist. Das Buch habe deutliche autobiographische Anleihen, las ich hier und da. Beachtlich ist dabei, wie die Perspektiven aller Familienmitglieder eingenommen werden, in großer Einfühlung. Formal ungezwungen sind die Wechsel zwischen Marokko und Paris, zwischen den Zeiten und den Personen. Mit jeder Seite wurde es mir mehr ein Lesevergnügen!