marokkanisch-französische Familiensaga
"Trag das Feuer weiter" ist der dritte Teil einer Romantrilogie um die Familiengeschichte der Autorin Leila Slimani. Ich habe die beiden Vorgängerromane nicht gelesen und kam dennoch mit dem vorliegenden Roman bestens zurecht.
Die Geschichte dieses Romans spielt in den Jahren zwischen 1980 bis 2022. 1980 wird Ines, die jüngere Schwester der Protagonistin Mia, in Marokko geboren. Mia ist zu diesem Zeitpunkt 6 Jahre alt. Die Eltern der Geschwister sind Mehdi und Aicha Daoud. Mehdi ist zu Beginn Vorsitzender eines noch kaum bekannten kleinen Kreditinstituts in Casablanca. Aicha ist Ärztin in der Gynäkologie eines Krankenhauses.
Während des Zeitraums von über vierzig Jahren, die der Roman umfasst, begleitet der Leser die Geschicke der Familien Daoud und Belhaj, die ihren Ausgangspunkt 1945 im Elsass mit der Heirat Mathildes und dem Marokkaner Amine Belhaj, den Großeltern von Ines ind Mia, bildet.
Der Roman öffnet die Sicht auf Marokko, dessen Geschichte und insbesondere dessen Verbindungen zu Frankreich, unter dessen Protektorat das nordafrikanische Land lange Zeit stand. Letzteres macht das Buch aber nicht unbedingt zu einem rein politischen Roman. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf den Einflüssen äußerer Gegebenheiten auf die Familien, deren Kultur und die Biographien der jeweiligen Generationen.
Slimani schreibt sehr unterhaltsam und gleichzeitig tiefgründig und lotet dabei die innere Zerissenheit der Protagonisten Mia und Ines zwischen der Liebe zu ihrem Vaterland Marokko und der Verbundenheit zu Frankreich aus.
Die Familien gehören in Marokko einer privilegierten reichen Oberschicht an, die sich Hausangestellte wie Köchinnen, Kinderfrauen und Gärtner leisten kann und ihre Kinder auf renommierte Gymnasien schickt und in in Pariser Universitäten studieren läßt. Dass Marokko ein armes Land ist, eine kostitutionelle Monarchie mit eingeschränkter Meinungsfreiheit und Benachteiligung von Frauen, gesellschaftlich gespalten u. a. aufgrund seiner Geschichte als französisches Protektorat, wird dennoch deutlich.
Der Vater Mehdi baut das anfangs kaum bekannte Kreditinstitut in Casablanca zur wirtschaftlich und für Marokko international bedeutenden Bank auf, muss aber im Verlauf seiner Karriere bitter erfahren, dass Marokko von einem freiheitlichen Rechtsstaat weit entfernt ist: "Er hatte geglaubt, sich für den Staat einzusetzen, für das Volk, dabei war er nie etwas anderes als ein Hampelmann der herrschenden Klasse."
Mia und später Ines besuchen in Rabat ein französisches Gymnasium, das von den Einwohnern "Fette Knete Gymnasium" genannt wird. Ihre Erfahrungen dort nehmen einen großen Teil des Romans ein und können insofern als coming-of-age Teil der Geschichte angesehen werden.
Gut herausgearbeitet hat Slimani m. E. das sich langsam entwickelnde Heimatgefühl der Geschwister für Europa während ihres Studiums in Paris und ihrer beruflichen Anfänge u.a. in London, das dennoch keine Empfindung voller Zugehörigkeit zu dem einen oder dem anderen Kulturkreis entfalten kann.
Dreh- und Angelpunkt des Romans ist zwar die Geschichte der Ende der 1970iger, Anfang der 1980iger Jahre geborenen Mädchen Mia und Ines. Geschickt wird u. a. aber auch aus der Perspektive der Eltern Mehdi und Aicha, der freigeistigen Tante Selma und des in New York lebenden Photographen Selims erzählt, teilweise in der Ich-Form. So kann sich der Leser in die Lage der einzelnen Personen , in ihre Art zu denken und zu fühlen, ihre jeweiligen Lebenswirklichkeiten hineinversetzen. Gefallen hat mir die detaillierte Beschreibung der einzelnen Charaktere, ihrer unterschiedlichen Art, mit den Widrigkeiten des Lebens zurecht zu kommen. Die Figuren entstehen sehr genau vor dem geistigen Auge des Lesers. Zum Einen, was ihr äußeres Erscheinungsbild betrifft, zum Anderen, was ihre Zerissenheit , ihre Stärken und Schwächen anbelangt.
Ein toller Roman, der mich rundum begeistert hat und den ich sehr empfehlen kann. 5 Sterne !
Die Geschichte dieses Romans spielt in den Jahren zwischen 1980 bis 2022. 1980 wird Ines, die jüngere Schwester der Protagonistin Mia, in Marokko geboren. Mia ist zu diesem Zeitpunkt 6 Jahre alt. Die Eltern der Geschwister sind Mehdi und Aicha Daoud. Mehdi ist zu Beginn Vorsitzender eines noch kaum bekannten kleinen Kreditinstituts in Casablanca. Aicha ist Ärztin in der Gynäkologie eines Krankenhauses.
Während des Zeitraums von über vierzig Jahren, die der Roman umfasst, begleitet der Leser die Geschicke der Familien Daoud und Belhaj, die ihren Ausgangspunkt 1945 im Elsass mit der Heirat Mathildes und dem Marokkaner Amine Belhaj, den Großeltern von Ines ind Mia, bildet.
Der Roman öffnet die Sicht auf Marokko, dessen Geschichte und insbesondere dessen Verbindungen zu Frankreich, unter dessen Protektorat das nordafrikanische Land lange Zeit stand. Letzteres macht das Buch aber nicht unbedingt zu einem rein politischen Roman. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf den Einflüssen äußerer Gegebenheiten auf die Familien, deren Kultur und die Biographien der jeweiligen Generationen.
Slimani schreibt sehr unterhaltsam und gleichzeitig tiefgründig und lotet dabei die innere Zerissenheit der Protagonisten Mia und Ines zwischen der Liebe zu ihrem Vaterland Marokko und der Verbundenheit zu Frankreich aus.
Die Familien gehören in Marokko einer privilegierten reichen Oberschicht an, die sich Hausangestellte wie Köchinnen, Kinderfrauen und Gärtner leisten kann und ihre Kinder auf renommierte Gymnasien schickt und in in Pariser Universitäten studieren läßt. Dass Marokko ein armes Land ist, eine kostitutionelle Monarchie mit eingeschränkter Meinungsfreiheit und Benachteiligung von Frauen, gesellschaftlich gespalten u. a. aufgrund seiner Geschichte als französisches Protektorat, wird dennoch deutlich.
Der Vater Mehdi baut das anfangs kaum bekannte Kreditinstitut in Casablanca zur wirtschaftlich und für Marokko international bedeutenden Bank auf, muss aber im Verlauf seiner Karriere bitter erfahren, dass Marokko von einem freiheitlichen Rechtsstaat weit entfernt ist: "Er hatte geglaubt, sich für den Staat einzusetzen, für das Volk, dabei war er nie etwas anderes als ein Hampelmann der herrschenden Klasse."
Mia und später Ines besuchen in Rabat ein französisches Gymnasium, das von den Einwohnern "Fette Knete Gymnasium" genannt wird. Ihre Erfahrungen dort nehmen einen großen Teil des Romans ein und können insofern als coming-of-age Teil der Geschichte angesehen werden.
Gut herausgearbeitet hat Slimani m. E. das sich langsam entwickelnde Heimatgefühl der Geschwister für Europa während ihres Studiums in Paris und ihrer beruflichen Anfänge u.a. in London, das dennoch keine Empfindung voller Zugehörigkeit zu dem einen oder dem anderen Kulturkreis entfalten kann.
Dreh- und Angelpunkt des Romans ist zwar die Geschichte der Ende der 1970iger, Anfang der 1980iger Jahre geborenen Mädchen Mia und Ines. Geschickt wird u. a. aber auch aus der Perspektive der Eltern Mehdi und Aicha, der freigeistigen Tante Selma und des in New York lebenden Photographen Selims erzählt, teilweise in der Ich-Form. So kann sich der Leser in die Lage der einzelnen Personen , in ihre Art zu denken und zu fühlen, ihre jeweiligen Lebenswirklichkeiten hineinversetzen. Gefallen hat mir die detaillierte Beschreibung der einzelnen Charaktere, ihrer unterschiedlichen Art, mit den Widrigkeiten des Lebens zurecht zu kommen. Die Figuren entstehen sehr genau vor dem geistigen Auge des Lesers. Zum Einen, was ihr äußeres Erscheinungsbild betrifft, zum Anderen, was ihre Zerissenheit , ihre Stärken und Schwächen anbelangt.
Ein toller Roman, der mich rundum begeistert hat und den ich sehr empfehlen kann. 5 Sterne !