Polyphones Meisterwerk

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Im dritten Teil der Marokko-Trilogie schließt Slimani ihr Projekt ab, die koloniale Geschichte Marokkos von 1950 bis in die Gegenwart in den drei Generationen der Familie Belhadj/ Daoud zu spiegeln.

Im Mittelpunkt steht nun Mia, Tochter und Enkelin der Protagonistinnen der vorherigen Bände, die aus einer persönlichen Krise heraus auf ihr Leben zurückblickt. Ausgehend von Mias Kindheit im wohlhabenden, liberalen Milieu Marokkos der 1970er- und 1980er-Jahre entfaltet Slimani ein breites Panorama aus Familien-, Gesellschafts- und Zeitgeschichte. Souverän jongliert Slimani mit einer vielstimmigen Erzählstruktur, die unterschiedliche Perspektiven nebeneinanderstellt, aber niemals verwirrt: Ein Kunststück an sich.

Die Familie Daoud führt ein privilegiertes Leben, steckt jedoch zugleich fest in einem von Staat, Religion und patriarchalen Normen eingeengtem Milieu. Was bedeutet es, in einem Land zu leben, in dem man gezwungen ist, seine Wahrheit und seine Gedanken zu verbergen? Ein schizophrener Akt, den die Töchter nicht mehr leben wollen. Und so beginnen sie, wie schon Aïcha und Mathilde, ihre eigene Wanderung zwischen den Welten.

Besonders gelungen fand ich die tragische Figur Mehdi Daoud, die stark an Slimanis Vater angelehnt ist. Slimani zeichnet Mehdi als einen Mann, der sich radikal von seinen marokkanischen Wurzeln gelöst hat, um das moderne westliche Ideal zu leben. Mehdis Aufstieg ist spektakulär, sein Fall dramatisch: Unbestechlich und vom Glauben an Bildung und Leistung geprägt, muss er in der korrupten Monarchie Marokko scheitern. Gebrochen begreift er, dass sein Lebenstraum in Marokko nicht lebbar ist.

Seine Töchter hat die gleiche Erkenntnis weit eher ereilt, denn als Frauen trifft sie die volle Wucht islamischer Verhaltenscodes. Mia geht zum Studium nach Paris - aus dem unfreien Marokko in das rassistische Frankreich. In ihrer Biografie wird deutlich, wie schmerzhaft Integration verläuft. „Sie ahnte, dass man sich, um sich zu integrieren, auflösen musste, ausradieren, die Vergangenheit löschen.“ Dazu kommt ihre queere Sexualität, die zusätzliche Konflikte verursacht.

Ihre Ermächtigungsstrategie wird schließlich das Wort sein. Mathilde, die elsässische Großmutter, träumte davon, ihr Leben schreibend zu verstehen; Mehdi, der Vater, hatte ein Manuskript begonnen: „Mehdi Daoud, mein marokkanisches Schicksal“. Aber es ist Mia, in der dritten Generation, die die Geschichte ihrer Familie erzählt und sich so die Deutungshoheit zurückholt.
Als sie in der Nach-Covid-Gegenwart nach Marokko zurückkehrt, ist die Fremdheit überwältigend. „An jenem Tag beerdigte sie ihren Vater nach Riten, von denen sie keine Ahnung hatte, im Namen eines Gottes, an den sie nicht glaubte, in einer Sprache, die sie nicht verstand.“ Der große Verdienst von Slimanis Roman besteht unter anderem darin, diese Spaltung nachfühlbar zu machen.

Auch sprachlich überzeugt der Roman durch eine präzise, lebendige Prosa, die zwischen Melancholie und analytischer Klarheit oszilliert. Slimanis Schilderungen bestechen durch eine enorme Stofflichkeit, ihre emotionale Wirkung entsteht nicht aus dramatischen Zuspitzungen. Die Autorin ist lediglich aufmerksame Beobachterin der inneren Spannungen und Konflikte, ohne über ihre Figuren zu urteilen. Die sparsame Symbolik des Feuers, das für Freiheit und Selbstentfaltung steht, sorgt für zusätzliche Resonanz.

Fazit: Ein komplexes, dabei enorm zugängliches Buch, das völlig undidaktisch und trotz vieler biographischer Parallelen zur Autorin angenehm romanhaft daherkommt. Ein großer Wurf.