Vom Fremdsein

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amiri Avatar

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Dieses Buch musste ich mir erst erarbeiten. Es ist das erste, das ich von dieser Autorin gelesen habe, deshalb wusste ich auch nicht, dass es sich um den dritten und letzten Teil einer Trilogie handelt. Die Lektüre der beiden vorherigen Bände wäre sicher hilfreich gewesen, um die Geschichte der Familie Belhaj besser zu verstehen.
Mit Interesse habe ich allerdings gelesen, wie Marokko sich politisch entwickelt und wie das Verhältnis zwischen Frankreich und der ehemaligen Kolonie sich aus der Sicht von Marokkaner*innen darstellt. Um Hintergrundwissen zu bekommen, habe ich einige Male Wikipedia bemühen müssen.
Politische Ereignisse sind zwar in keiner Weise das Hauptthema des Buches, aber sie bilden die Folie, auf der sich die Geschichte der Protagonisten entfaltet. Aus der Perspektive unterschiedlicher Personen wird das Leben zwischen 1980 und ca. 2003 sowohl in Marokko als auch in Frankreich geschildert. Autofiktionale Elemente werden durch die Person Mia eingefügt. Wie die Autorin ist sie Schriftstellerin, die in der Jetztzeit auf ihre Familiengeschichte blickt und ihr Schicksal literarisch aufarbeitet. Dadurch, dass sich die Autorin nicht auf eine Person konzentriert, sondern mehrere Familienmitglieder zum Teil auch in Ich-Form zu Worte kommen lässt, entstand bei mir als Leserin aber eine gewisse Distanz zu den Charakteren. Ich konnte mich nicht intensiver auf die Gedanken und Gefühle einlassen. Ein Eintauchen in die Handlung fiel mir schwer.
Was eindrücklich geschildert wird, ist ein gewisses Fremdsein im eigenen Land durch die Zugehörigkeit zur Oberschicht mit Bildung, Besitz, Hausangestellten und Privilegien, die es erlauben, ins Ausland, nach Frankreich oder in die USA zu gehen und ein ganz anderes Leben zu beginnen. Dort aber gehören sie plötzlich zu den Personen, denen mit Misstrauen und Vorbehalten begegnet wird. Nicht zuletzt aufgrund ihres Aussehens. Diese Aspekte werden eher beiläufig erzählt und nicht vertieft, für mich gehören sie jedoch zu den Momenten, die die Lektüre empfehlenswert machen.